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Ambiguitätstoleranz Umgang mit Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung

Von Dr. Sarah Jadwiga Jahn Weltoffene Hochschulen
© Marco2811 - stock.adobe.com

„Bin ich eine Antisemitin, weil ich die Politik von Israel nicht gut finde?“

In den vergangenen Newsletterausgaben der HSPV NRW haben Sie schon verschiedene Kolumnen im Rahmen der „Weltoffenen Hochschule“ gelesen. Die letzten Beiträge haben sich mit verschiedenen Phänomenbereichen von Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung beschäftigt, zum Beispiel „Rassismus“, „Racial Profiling“, „Antisemitismus“ und „Antiziganismus“. Alle Phänomene haben eine hohe gesellschaftliche Relevanz und treten in verschiedener Qualität und Quantität auf, auch in der aktuellen und zukünftigen Lebens- und Arbeitswirklichkeit der Studierenden unserer Hochschule. Entsprechend haben wir als Hochschule auch die Frage zu diskutieren, wie wir uns didaktisch dem Umgang mit Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung nähern. Diese Kolumne möchte hierzu einen Beitrag leisten, weil eines die genannten Phänomene gemeinsam haben: Sie greifen die Basis unseres Verständnisses vom gesellschaftlichen Miteinander an, indem sie das Recht auf Würde und die Gleichbehandlung jeder einzelnen Person ignorieren. Denn hinter den benannten Phänomenen steckt einzig der Gedanke, dass manche Menschen aufgrund von Merkmalszuschreibungen minderwertiger sind und weniger Rechte haben als andere Menschen. Dieser Gedanke wurde in dem theoretischen Ansatz zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ des Bielefelder Soziologen Andreas Zick und seinem Team systematisch aufgearbeitet. Zick und Küpper schreiben in einem Überblicksartikel zum Verständnis hierzu:
 

„Wenn Menschen aufgrund ihrer zugewiesenen Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe als irgendwie ‚anders’, ‚fremd’ oder ‚unnormal’ markiert werden, dann wird aus ‚ungleich’ sehr leicht auch ein ‚ungleichwertig‘.“1


Zick und sein Team zeigen auch in Zahlen, dass diese soziale Praxis, ob bewusst oder unbewusst, nicht ausschließlich an den politisch extremen Rändern zu finden ist, sondern tief in unserer Gesellschaft verwurzelt ist.2

Für die Verbreitung gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze. Beispielsweise nehmen wir viele Vorurteile und Wahrnehmungsmuster einfach durch unsere Sozialisation auf und tragen diese unbewusst weiter (vgl. auch die Beiträge von Gina Wollinger und Nanina Sturm in der Themenreihe). Sich dessen bewusst zu machen, eigene Vorurteile zu entdecken und zu hinterfragen, sich damit einen professionellen Umgang anzueignen, gerade im Rahmen der Hochschullehre, ist hier ein konkreter Ansatz. Auch die Wissensvermittlung über gesellschaftliche Gruppen und deren Lebenswirklichkeit sowie das Ermöglichen von Austausch und Dialog mit den betroffenen Personen und Gruppen sind etablierte didaktische Ansätze, wie Thorben Malcherek zum Umgang mit Antisemitismus schreibt.

Doch schon allein der Beitrag von Andreas Ruch zum „Racial Profiling“ zeigt, dass hiermit nicht alles getan ist. Ruch macht deutlich, dass es unterschiedliche Meinungen darüber gibt, wie weit verbreitet Racial Profiling ist. Auch gibt es einen rechtlichen Dissens darüber, ob Racial Profiling eine zulässige Praxis ist. Was sollte hier also, angesichts der Komplexität, vermittelt werden?

Auch bei den anderen Phänomenen wird es schnell komplex. Allein das Phänomen des Antisemitismus zeigt, dass die von Malcherek beschriebenen historischen Vorurteile zwar immer noch existieren, der damit gemeinte „klassische Antisemitismus“ allerdings aktuell bei weitem geringer verbreitet ist, als beispielsweise der „israelbezogene Antisemitismus“. Hier überschneiden sich politische Einstellungen mit historischem (Un-)Wissen und Vorstellungen über die Lebenswirklichkeit von Menschen, die nicht der Realität entsprechen. Bezogen auf die Ergebnisse der „Mitte-Studie“ von Zick et al., haben 30 % der folgenden Aussage teils/teils und 13,4 % vollständig zugestimmt:
 

„Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben.“3


Hier ist vor allem die Relation problematisch, indem eine aktuelle Politik mit dem Holocaust gleichgesetzt wird. Es geht also nicht um Israelkritik, sondern um die Gleichsetzung von Israel und jüdischen Menschen. Oftmals wird in dem Kontext aber gefragt: „Bin ich eine Antisemitin, weil ich die Politik von Israel nicht gut finde?“ Diese Frage wird gestellt, wenn eine vertrauliche Atmosphäre besteht. Oftmals bleiben solche Fragen aber ungestellt, weil Angst darüber herrscht, als Antisemit oder Antisemitin zu gelten, gerade in einem Bildungskontext, in dem Studierende wie Lehrende Angestellte des öffentlichen Dienstes oder Beamtinnen beziehungsweise Beamte sind.

Wir haben es im didaktischen Umgang mit Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung an unserer Hochschule also vor allem mit zwei Herausforderungen zu tun:

  • Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung betreffen verschiedene gesellschaftliche Phänomene, die im Verständnis und der Erklärung sehr komplex sind.
  • Zu behandelnde Themen sind oftmals mit gesellschaftlichen Tabus belegt, über die aus Unsicherheit ungern (öffentlich) gesprochen wird.

Das heißt, es geht um eine Wissens- und Kompetenzvermittlung, damit Studierende im Umgang mit Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung professionalisiert werden. Es geht um die Wissensaneignung, über die Lebenswirklichkeit von marginalisierten Menschen und Gruppen sowie um die Kenntnis politischer Zusammenhänge und gesellschaftlicher Mechanismen. Darüber hinaus geht es aber vor allem darum, eine Haltung und Sprechfähigkeit zu vermitteln, um überhaupt über komplexe Sachverhalte und Tabuthemen sprechen zu können. Es geht darum, eine Ambiguitätstoleranz zu entwickeln, das heißt eine Fähigkeit, Vieldeutigkeit und Unsicherheiten anzunehmen und diese zu „ertragen“. Im Sinne gelebter Demokratie bedeutet das im Zweifel auch, ergebnisoffen zu diskutieren und einmal keinen Konsens zu erzielen oder nicht die eine richtige Antwort benennen zu können. Hierfür ist es notwendig, die eigene Wahrnehmung und das eigene Wissen grundsätzlich in Frage zu stellen. Das betrifft Studierende und Lehrende gleichermaßen.


Wenn Sie sich weiter mit der beschriebenen Thematik auseinandersetzen möchten, empfehlen wir Ihnen folgende Bücher:
 

Reis, Jack (1997): Ambiguitätstoleranz. Beiträge zur Entwicklung eines Persönlichkeitskonstrukts. Heidelberg: Asanger.

Bauer, Thomas (2018): Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Ditzingen: Reclam.


 


Fußnoten zum Artikel

1 Beate Küpper und Andreas Zick: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, in: Bundeszentrale für politische Bildung, vom 20.10.2015, online abrufbar unter: https://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/214192/gruppenbezogene-menschenfeindlichkeit (letzter Zugriff am 19.10.2021).

2 Andreas Zick (2021): Herabwürdigungen und Respekt gegenüber Gruppen in der Mitte, in: Zick, Andreas; Küpper, Beate (Hg.): Die geforderte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2021. Bonn: Dietz, S. 181-212

3 Andreas Zick (2021): Herabwürdigungen und Respekt gegenüber Gruppen in der Mitte, in: Zick, Andreas; Küpper, Beate (Hg.): Die geforderte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2021. Bonn: Dietz, S. 188.

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