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#WirmeisterndieKrise Aus der Not eine Tugend machen

Von Prof. Dr. Christoph Holtwisch Corona-Geschichten
© HSPV NRWOnline-Lehre aus dem Homeoffice
Online-Lehre aus dem Homeoffice

Prof. Dr. Christoph Holtwisch, hauptamtlich Lehrender am Studienort Mülheim an der Ruhr, berichtet über die positiven Seiten der Online-Lehre.

Zum Studienjahr 2020/2021 habe ich meine Lehrtätigkeit an der HSPV NRW wie erwartet gestartet: mit Präsenzlehre am Studienort Mülheim an der Ruhr. Nach vielen Jahren als Bürgermeister war dies eine neue berufliche Herausforderung – entsprechend angespannt bin ich in meine ersten Lehrveranstaltungen gegangen. Rasch habe ich jedoch gemerkt, dass die Lehre mir Spaß macht und dass die Studierenden interessiert mitmachen, sodass ich schnell wieder eine gewisse Sicherheit verspürte. Dieser Moment war jedoch nur von kurzer Dauer.

Bereits im Oktober des vergangenen Jahres wurde die Lehre an der HSPV NRW coronabedingt in den Online-Modus verlagert. Eine Situation, die bis jetzt andauert. Diese absolut nachvollziehbare Entscheidung führte für mich dazu, dass ich mich binnen kurzer Zeit nicht nur an meine neue Aufgabe, sondern auch an andere Formate gewöhnen musste – zunächst behelfsmäßig mit meinem Tablet, inzwischen an einem vernünftig ausgestatteten Homeoffice-Arbeitsplatz mit zwei Bildschirmen. Im Ergebnis hat der Sprung ins kalte Wasser geklappt: Auch über Zoom lässt sich gute Lehre gestalten, inklusive aktiver Beteiligung der Studierenden und Gruppenarbeit.

Allerdings wurde schnell deutlich, dass die Online-Lehre besondere Anforderungen mit sich bringt. Die Studierenden sitzen viele Stunden täglich vor Bildschirmen, weshalb Abwechslung in den Lehrveranstaltungen noch wichtiger ist, als bei der Präsenzlehre. Insofern ist es gut, dass zumindest eine Form der Auflockerung im Rahmen der Online-Lehre merklich erleichtert wurde: die Einbindung externer Referenten aus der Praxis. Diese haben keine aufwändige An- und Abreise mehr, sondern können einfach über Zoom in die Veranstaltung eingebunden werden. Beruflich stark geforderte Experten lassen sich dadurch eher für eine Teilnahme an Lehrveranstaltungen gewinnen.

Den Anfang machte bei mir noch im Oktober, in zwei Kursen „Staatsrecht I“, der für Mülheim zuständige Bundestagsabgeordnete, der den Studierenden natürlich wesentlich authentischer aus dem Abgeordnetenleben berichten konnte, als ich es vermocht hätte. Geplant war ursprünglich eine Präsenz-Teilnahme. Die vielen interessierten Fragen und die entstandene Diskussion zeigten mir sehr deutlich, dass ich mit meinem Konzept auf dem richtigen Weg war. Ich nahm mir also vor, dieses Mittel künftig noch stärker einzusetzen.

Was man allerdings nicht unterschätzen sollte, ist die zeitintensive Vorarbeit, die bei der Einbindung externer Referenten notwendig ist: Diese Experten müssen nicht nur gefunden (dabei kam mir mein Netzwerk als ehemaliger Bürgermeister zugute) und verpflichtet werden, sondern es bedarf einer intensiven Kommunikation, um sie fachlich und zeitlich ideal in die Lehrveranstaltungskonzeptionen einzufügen und Fragen zu beantworten, denn Lehre ist für sie meist Neuland. Im Nachgang waren die Reaktionen der Referenten bisher durchgängig positiv; es macht ihnen Freude, ihre Erfahrungen zu teilen.

So stellen aktuell zwei Verwaltungsvorstände der Stadt Vreden und des Kreises Borken in drei Kursen zum Thema „Öffentliches Baurecht“ die Bauplanung und Bauordnung aus der Perspektive der kommunalen Praxis dar, was meine juristischen Ausführungen hervorragend ergänzt: Es kommt dadurch einfach mehr Fleisch an das Skelett. Im „Raumordnungs- und Fachplanungsrecht“ (ebenfalls drei Kurse) gilt das Gleiche: Wenn ein Fachmann der Bezirksregierung Münster die Regionalplanung erläutert und wenn ein Team des Unternehmens Amprion praktisch zeigt, was mehrstufige Planung ist, dann weckt das das Interesse der Studierenden noch einmal auf ganz andere Weise.

Im Kurs „Staatliche Aufsicht“, wo das Thema an den Beispielen Kommunalaufsicht und Schulaufsicht behandelt wird, ist es sogar möglich, unterschiedliche Perspektiven gegenüberzustellen: Nachdem zunächst die Aufsichtsbehörden (Kreis Borken und Kreis Coesfeld) ihre Aufgaben praxisnah erläutern, kommen auch die von der Aufsicht Betroffenen zu Wort. Im Bereich der Kommunalaufsicht handelt es sich um zwei (ehemalige) Bürgermeister aus dem Kreis Borken, im Bereich der Schulaufsicht sind es die Schulleitungen einer Förderschule und einer Sekundarschule. Auch bei einem vergleichsweise abstrakten Thema werden die gesetzlichen Regelungen dadurch sehr greifbar und besser verständlich.

Gibt es dabei auch einen Nachteil? Nein – aber man muss bereit sein, sich als Lehrender nicht übermäßig wichtig zu nehmen: Schließlich holt man sich auf diesem Wege Experten in die Lehrveranstaltungen, die zu ihren Spezialthemen naturgemäß mehr wissen, als man selbst und ihre Themen dadurch sehr authentisch und lebenspraktisch vermitteln können. Aber genau das ist ja das Ziel der Sache und gut für die Studierenden – und das sicherlich auch nach Corona.

Weitere „Corona-Geschichten“ finden Sie wöchentlich auf der Homepage der HSPV NRW sowie auf unseren Corona-Seiten.

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