DVR-Arena 2023Arbeitsbedingungen auf Europas Straßen

Mehrere Leute sitzen während einer Podiumsdiskussion im Halbkreis auf einer Bühne.
Podiumsdiskussion mit Expertinnen und Experten zu den Verkehrssicherheitsproblemen des gewerblichen Güterverkehrs

HSPV-Thesis gibt Anstoß zu Kolloquium auf Bundesebene

Die Bachelorarbeit einer HSPV-Absolventin, die im Mai 2023 mit dem ersten Platz des Förderpreises für Absolventinnen und Absolventen eines Master-, Bachelor-, Diplom- oder Magisterstudiengangs vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) ausgezeichnet wurde, gab den Anlass, im Dezember 2023 in Berlin ein Kolloquium zum Thema der Thesis einzurichten. Die durch Vanessa Kuhlage 2022 am HSPV-Studienort Münster vorgelegte Bachelorarbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Lkw-Parkplatzmangel – Ein unlösbares Dilemma zwischen ‚Geisterparkern‘ und ‚Sekundenschläfern‘ in der polizeilichen Verkehrssicherheitsarbeit?“.

Der an zahlreiche Expertinnen und Experten aus Politik, Logistik und Exekutive aus Deutschland und den Nachbarländern gerichteten Einladung zu einer hybriden Veranstaltung in der Eventlocation „Wartehalle“ in Berlin leisteten rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer Folge.
 

Die Aufzeichnung der Veranstaltung ist über YouTube abrufbar:

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DVR-Präsident Manfred Wirsch eröffnete mit seinem Grußwort das erste unter dem neuen Namen „DVR-Arena“ ausgerichtete Kolloquium zum diesjährigen Thema „Arbeitsbedingungen auf Europas Straßen: Zeitdruck, knappe Parkplätze, Fahrpersonalmangel – eine Herausforderung für die Verkehrssicherheit“.

Das Führen eines Lkw im gewerblichen Güterverkehr ist mit hohen physischen und psychischen Belastungen und Beanspruchungen verbunden. Lkw-Fahrende gehen ein erhöhtes Risiko von Herz-Kreislauf- sowie Muskel-Skelett-Erkrankungen ein und weisen zudem häufig einen gesundheitsschädlichen Lebensstil auf. Da Fahrer mit eingeschränktem Gesundheitszustand ein erhöhtes Unfallrisiko darstellen, ist der Erhalt der Gesundheit der Fahrenden ein zentrales Anliegen der Verkehrssicherheit. Maßnahmen zur Gesundheitsförderung von Lkw-Fahrenden können somit einen wichtigen Beitrag zur Erhöhung der Sicherheit im Straßenverkehr leisten.  

Beim DVR in Berlin führte Vanessa Kuhlage (Polizei NRW) bei der Vorstellung ihrer Thesis aus, dass sie bei den Untersuchungen zu ihrer Abschlussarbeit erkannt habe, dass sich der bereits bestehende Mangel an geeigneten Lkw-Parkplätzen für die nötigen Ruhepausen der Fahrenden weiter verschärft.

Zu viele Lkw und zu wenige Parkplätze – so brachte die junge Polizeibeamtin die leidige Praxis des Lkw-Verkehrs knapp auf den Punkt. Diese Situation führe dazu, dass – besonders an Autobahnen und Fernstraßen – vorhandene Parkplätze oft überfüllt seien und manche Fahrer ihren Lkw gar in der Einfahrt zu Rastanlagen parken, weil anderswo schlicht kein Raum mehr frei ist. So hörte man die von der Studentin empirisch befragten Trucker häufig klagen, dass man abends kaum noch Chancen hätte, einen Platz für die Nacht zu finden. Der durch Frau Kuhlage visuell (mit ansprechendem Foto und QR-Code) fachlich versiert aufgemachte digitale Flyer mit speziell eingerichteter Website für eine Online-Umfrage, ging über diverse Kanäle viral und führte zu erkenntnisreichem Rücklauf.

Fotos

Aufnahme von Vanessa Kuhlage am Rednerpult.
Vanessa Kuhlage, Themengeberin des Kolloquiums, berichtet aus ihrer Thesis
Aufnahme des Veranstaltungsraums und der Teilnehmenden.
Begrüßung der Teilnehmenden zur ersten „DVR-Arena“

Mangelnder Parkraum bedeutet für die Fernfahrenden deutlich mehr Zeit und Stress bei der Parkplatzsuche zur Einhaltung der gesetzlichen Lenk- und Ruhezeiten und somit eine Unfallgefahr für sich selbst und für andere. Die Polizei weiß um die Probleme der Lkw-Fahrenden und befindet sich dabei in einem Interessenskonflikt: Lässt sie ein „Wild-West-Parken“ zu oder werden müde Fahrende von ihr „auf die Reise geschickt“, sich eine ordnungsgemäße Ruhemöglichkeit zu suchen. Nur ausgeruhte Lkw-Fahrende gewährleisten Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmenden.

Wie bereits in ihrer Bachelorarbeit ausgeführt, wies Vanessa Kuhlage auch beim Berliner DVR-Kolloquium auf bedeutsame Schwächen und Mängel bisheriger durch das Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) beauftragter und unter anderem seitens der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) durchgeführter Untersuchungen zum Lkw-Parkplatzangebot hin, die nur zu bedingt brauchbaren, nicht realitätsgerechten Ergebnissen gekommen sind. Immerhin haben während der Thesis-Bearbeitungszeit einige durch Frau Kuhlage initiierte Schriftwechsel dazu geführt, dass die von der Studentin aufgezeigten Mängel der Untersuchungsmethodik durch die BASt seither erkannt und unmittelbar behoben worden sind. So fehlen nun nach offiziellen Feststellungen nicht nur 20.000 Lkw-Stellplätze, sondern etwa 35.000 bundesweit. Wer einen Brummi steuert und die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten einhalten will, ist leider bis heute häufig gezwungen, das Fahrzeug verbotswidrig abzustellen.

Auch in der jüngsten Ausgabe der „Streife“ (Heft 03/2023, S. 38 f.), dem vom Ministerium des Innern NRW für die Beschäftigten der Polizei herausgegebenen Mitarbeitermagazin, findet sich ein ausführlicher Bericht über die Arbeit von Frau Kuhlage.

In der Berliner Arena folgten auf ein Videogrußwort von Oliver Luksic, Parlamentarischer Staatssekretär beim BMDV und Koordinator der Bundesregierung für Güterverkehr und Logistik, eine Keynote von Henning Rehbaum, CDU-Bundestagsabgeordneter und Mitglied im Verkehrsausschuss, sowie ein Gespräch mit der Moderatorin der Veranstaltung, Eva-Maria Lemke.

Im Anschluss erläuterte Prof. Dr. Dirk Engelhardt, Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), seine Forderungen zu einer Neujustierung der Qualifikationsanforderungen zwecks Behebung des Fahrpersonalmangels im gewerblichen Güterverkehr.

In einem weiteren anschaulichen Vortrag gab Raymond Lausberg (Polizei Lüttich, Belgien) einen erschreckenden Einblick in den Arbeitsalltag und in die Arbeitsbedingungen von Lkw-Fahrenden sowie in die damit einhergehende Verkehrsunsicherheit auf Europas Straßen.

Last but not least führte Eva-Maria Lemke durch eine Diskussionsrunde mit allen Vortragenden, Dr. Jörg Hedtmann, Leiter des Geschäftsbereichs Prävention bei der Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft, Post-Logistik und Telekommunikation (BG Verkehr), und Stefan Thyroke, Leiter Fachgruppe Speditionen, Logistik, Kurier-, Express- und Paketdienste bei der ver.di Bundesverwaltung.