Verwaltung in KrisenzeitenWorkshop

Verwaltung in Krisenzeiten
Der Workshop fand im Rahmen des Netzwerks „Weltoffene Hochschulen“ statt
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Aktuelle Herausforderungen und Chancen aus ethischer Sicht

In einem gesellschaftlichen Kontext, der einerseits durch die fortschreitende Digitalisierung moderner Organisationssysteme und andererseits durch eine zunehmende Fragmentierung soziopolitischer Beziehungen geprägt ist, stellt sich mit Nachdruck die Frage nach einer ethischen und politischen Reflexion über die Zukunft der öffentlichen Verwaltung. Im Zentrum steht dabei die Rolle der Verwaltung als zentrales Instrument staatlicher Organisation des Zusammenlebens in liberalen Demokratien. Diese Fragestellung bildete den Kern des Workshops „Verwaltung in Krisenzeiten – Aktuelle Herausforderungen und Chancen aus ethischer Sicht“, der am 20. November 2025 am HSPV-Studienort Münster stattfand. Die Veranstaltung wurde im Rahmen des Netzwerks „Weltoffene Hochschulen gegen Fremdenfeindlichkeit“ und von der Hochschule selbst sowie vom „Internationalen interdisziplinären Arbeitskreis für philosophische Reflexion“ (IiAphR) gefördert. Er fand auf Initiative und unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Frauke A. Kurbacher zusammen mit Till Heller, M.A. statt.

Im Mittelpunkt stand die Frage, wie politische Organisationsformen wie Verwaltung und Polizei so weiterentwickelt werden können, dass die Achtung der Grundrechte aller Menschen – unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion, Kultur oder Hautfarbe – im öffentlichen Raum einen zentralen Stellenwert erhält. Zur Beantwortung dieser Frage, so betonte Prof. Dr. Frauke Kurbacher in ihrer Einführung, sei von einer grundlegenden Prämisse auszugehen: Ethik fungiere als zentraler Anker staatlichen Handelns und erinnere daran, Menschenwürde und Gemeinwohl nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Reflexion über diese Werte bedeute, die Weichen für eine Verwaltungsethik neu zu stellen. Eine solche Ethik setze die Versöhnung der rechtlichen Funktion des Staates mit den ethischen Prinzipien des gesellschaftlichen Zusammenlebens voraus. Ziel sei es nicht nur, die Grundlagen staatlichen Handelns zu überdenken, sondern auch Begegnungen zwischen den Mitgliedern der politischen Gemeinschaft zu ermöglichen, die auf Respekt, Anerkennung und der Achtung der Würde aller beruhen.

Till Heller erinnerte daran, dass diese Überlegungen in der Tradition der Moralphilosophie der Aufklärung stehen, insbesondere bei Denkern wie Immanuel Kant und dessen Überlegungen zum Kategorischen Imperativen und den Fragen gerechten moralischen Handelns. Zugleich müsse dieses Erbe kritisch reflektiert werden, vor allem im Hinblick auf historische Ungerechtigkeiten wie Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus, die im Namen der Aufklärung gegenüber nicht-europäischen Gesellschaften oftmals geduldet oder legitimiert wurden. In pluralistischen, religiös und kulturell vielfältigen Demokratien erfordere die Verpflichtung zur Achtung der Menschenwürde daher einen echten interkulturellen Dialog als Voraussetzung für eine gerechte und friedliche Gestaltung des politischen Raums.

Diese Perspektive teilte auch PD Dr. Martin Baesler von der Universität Freiburg. In seinem Vortrag „Die Freiheit zu urteilen als Bedingung der Demokratie“ reflektierte er über die Voraussetzungen demokratischen Dialogs in einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Desorientierung. Darunter verstand er die Infragestellung ethischer, moralischer und epistemischer Werte, die das Urteilsvermögen in liberalen Demokratien tragen. Diese Krise des Sinns führe zu einer Krise des demokratischen Handelns. Umso notwendiger sei es, die Vernunft als Grundlage öffentlicher Kommunikation zu stärken. Die Fähigkeit zur Orientierung durch Denken erweise sich damit als wesentliche Voraussetzung demokratischer Freiheit.

  • Eva-Maria Landmesser während ihres Vortrags.
    Eva-Maria Landmesser
  • Plenum der Veranstaltung in einem Seminarraum.
    Plenum der Veranstaltung
  • Paul Döring während seines Vortrags.
    Paul Döring
  • Dr. Martin Baesler während seines Vortrags.
    Dr. Martin Baesler

Einen weiteren Schwerpunkt setzte der Vortrag von Regierungsinspektor Paul Döring, M.A. (Bezirksregierung Münster) mit dem Titel „Gefährdungen durch KI mit Blick auf menschliches Ermessen und Entscheiden“. Er widmete sich den strukturellen Voraussetzungen demokratischer Verwaltung im Kontext fortschreitender Digitalisierung. Dabei stellte er die Frage nach dem Stellenwert menschlicher Urteile und Entscheidungen in einer Verwaltung, die zunehmend auf künstliche Intelligenz zurückgreifen. Zwar verspreche der Einsatz von KI erhebliche Effizienzgewinne, zugleich gehe er jedoch mit erheblichen ethischen und politischen Herausforderungen einher. KI-Systeme fungierten häufig als „Black Box“ und werfen Fragen nach Transparenz, Verantwortlichkeit und Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen auf. Zudem bestehe die Gefahr, dass vorhandene soziale Vorurteile reproduziert und Diskriminierungen verstärkt würden. Paul Döring plädierte daher nicht für eine Abschaffung, sondern für einen verantwortungsvollen Einsatz von KI, die den Menschen unterstützen und nicht ersetzen solle.

Die Idee einer Verwaltungsethik bildete auch den Mittelpunkt des Vortrags von Eva-Maria Landmesser, M.A. (Universität Münster). Ausgehend von rechtsphilosophischen Überlegungen, etwa bei Étienne Balibar, sowie unter Bezugnahme auf Debatten des zeitgenössischen Antirassismus – unter anderem bei Ferda Ataman – hob sie die Dringlichkeit einer Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) hervor. Angesichts steigender Zahlen rassistischer Diskriminierungsfälle und fortbestehender rechtlicher wie gesellschaftlicher Mythen könne eine Reform des AGG einen wichtigen Beitrag zur strukturellen Bekämpfung von Diskriminierung in der deutschen Verwaltung leisten. Ziel sei eine „postrassistische“ und „postkategoriale“ Gesellschaft. Postkategorial bedeute dabei nicht antikategorial, sondern vielmehr eine Stärkung des Rechtsdiskurses zur Benennung struktureller Ungleichheitsverhältnisse.

Über die rechtlich-strukturelle Dimension hinaus betonte der Regisseur und Sozialpädagoge Salissou Maman Oumarou die Bedeutung konkreten sozialen Engagements für junge Menschen in prekären Lebenslagen. In seinem Dokumentarfilm „Wir sind nicht verloren – wir Kids von Wishi“ berichtete er von seinen Erfahrungen mit Jugendlichen aus dem Stadtteil Oberbarmen, die von Arbeitslosigkeit, Armut und eingeschränkten Bildungschancen betroffen sind. Viele dieser Jugendlichen stammen aus Familien mit Migrations- oder Fluchterfahrungen und stoßen im Alltag auf erhebliche institutionelle Hürden. Eine an Menschenwürde orientierte Verwaltung müsse daher auch die strukturellen Voraussetzungen für Solidarität und Fürsorge verbessern.

Dieser ethische Appell fand bei den Teilnehmenden des Workshops (Studierende der HSPV NRW aus den Bereichen Rentenversicherung und Verwaltungsinformatik, Studierende der Philosophie an der Universität Münster, Mitglieder des WoH-Netzwerks sowie Lehrende und Forschende der HSPV NRW) große Resonanz. Zugleich warf er Fragen nach den tatsächlichen Bedingungen seiner Umsetzung in der politischen und sozialen Praxis auf. Denn jede strukturelle Reform erfordert nicht nur ein Umdenken, sondern auch wirksame Strategien zur praktischen Umsetzung ethischer Prinzipien im individuellen wie kollektiven Handeln. Doch wie lassen sich diese Prinzipien im gelebten Alltag von Menschen und Institutionen tatsächlich operationalisieren, ohne einen grundlegenden Wandel des kollektiven Bewusstseins – insbesondere im Hinblick auf das Verständnis der politischen Gemeinschaft, der Personen, die sie bilden, sowie auf die Notwendigkeit einer Beteiligung aller ohne Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Kultur?

Eine solche Reform des Handelns erfordert eine radikale Neubestimmung unserer Denkweisen über die menschliche Person und die Gemeinschaft. Sie steht damit in deutlichem Kontrast zu gegenwärtigen Vorstellungen vom Menschen und von Gesellschaft, die noch immer von problematischen Erbschaften eines verengten Aufklärungsverständnisses geprägt sind. Letztlich geht es darum, die Lebensbedingungen jener Menschen nachhaltig zu verbessern, die heute wie gestern unter den Folgen gesellschaftlicher Desorientierung in liberalen Demokratien leiden.