Verkehrsunfallbilanz 2025Verkehrssicherheit in Nordrhein-Westfalen

Aufnahme einer Pressekonferenz mit NRW-Innenminister Herbert Reul.
NRW-Innenminister Herbert Reul während der Pressekonferenz
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Im Rahmen der Landespressekonferenz hat NRW-Innenminister Herbert Reul am 11. März 2026 im Düsseldorfer Landtag die polizeiliche Verkehrsunfallbilanz für das Vorjahr vorgestellt

NRW-Innenminister Herbert Reul im Interview mit einer Reporterin.
Minister Reul im Interview

Die Bilanz zeigt für NRW im Jahr 2025 ein gemischtes Bild: Die Zahl der Verkehrstoten ist leicht gesunken, gleichzeitig steigt die Gesamtzahl der polizeilich erfassten Verkehrsunfälle. Zentral bleibt: Viele schwere Folgen entstehen nicht zufällig, sondern durch typische Risiken – Geschwindigkeit, Abstand, Vorfahrt, Abbiegen sowie Alkohol und andere berauschende Mittel. 

Auffällig sind mehrere Entwicklungslinien, die für die tägliche Polizeiarbeit und das Studium an der HSPV NRW besonders relevant sind: ein hoher Anteil vulnerabler Verkehrsteilnehmender (Rad / Pedelec, E-Scooter, Motorrad), stark steigende Auffälligkeiten bei Drogen im Straßenverkehr und ein Höchststand bei registrierten illegalen Kraftfahrzeugrennen. Gleichzeitig unterstreicht die Bilanz, wie wichtig datenbasierte Schwerpunktsetzung, konsequente Kontrolle und zielgruppengerechte Prävention bleiben – als Kern einer Verkehrssicherheitsarbeit, die sich an der Vision Zero orientiert.

Die Bilanz in Zahlen

Im Jahr 2025 wurden in NRW 656.030 Verkehrsunfälle polizeilich registriert. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Plus von rund 11.000 Fällen. 479 Menschen kamen im Straßenverkehr ums Leben – sechs weniger als im Jahr davor. Erfasst wurden außerdem rund 80.500 Verletzte; darunter rund 10.000 Schwerverletzte und rund 70.500 Leichtverletzte. Bildlich gemacht wurde auf der Pressekonferenz auch die Dimension: Die Zahl der Verunglückten entspricht laut Minister Reul der Größenordnung eines „großen Stadions“ – ein starkes Signal, dass Verkehrssicherheit kein Randthema ist.

Ein räumlicher Schwerpunkt wird ausdrücklich benannt: Am häufigsten tödlich sind Unfälle außerhalb geschlossener Ortschaften (ohne Bundesautobahnen). Detailangaben zu Unfällen und Folgen:

  • Verkehrsunfälle gesamt: 656.030
  • Getötete: 479
  • Verletzte insgesamt: ca. 80.500
  • Schwerverletzte: ca. 10.000
  • Leichtverletzte: ca. 70.500
  • Unfälle unter Alkohol / anderen berauschenden Mitteln: 4.404
  • Verbotene Kfz-Rennen (registriert): 2.384
  • Unfälle bei verbotenen Kfz-Rennen: 663
  • Tote bei verbotenen Kfz-Rennen: 19

Was hinter den Zahlen steckt

Die Bilanz betont einen entscheidenden Punkt: Schwere Verkehrsunfälle haben meist wiederkehrende, beeinflussbare Muster. In der Gesamtschau der Personenschadensunfälle werden als häufige Ursachen besonders genannt: Geschwindigkeit, ungenügender Sicherheitsabstand, Nichtbeachten der Vorfahrt regelnden Verkehrszeichen, Fehler beim Linksabbiegen und Alkohol. Diese Faktoren sind nicht nur statistische Kategorien – sie stehen für konkrete Situationen: zu hohes Tempo, dichtes Auffahren, zu wenig Reaktionsraum, riskante Abbiegevorgänge oder Fahrten mit eingeschränkter Wahrnehmung. 

Hinzu kommt eine Entwicklung, die viele Einsatzkräfte im Alltag längst wahrnehmen: Alkohol bleibt ein dominanter Risikotreiber, zugleich nehmen „andere berauschende Mittel“ zu. Für 2025 werden 4.404 Unfälle unter Alkohol oder anderen Drogen ausgewiesen, davon 3.274 alkoholbedingt und 1.130 unter anderen berauschenden Mitteln. Innerhalb dieser Gruppe ragt Cannabis heraus: 506 Unfälle, ein Zuwachs um rund 23 % – und damit der höchste bislang erfasste Wert. Diese Dynamik macht deutlich: Verkehrssicherheit hängt heute stärker denn je auch an wirksamer Kontrolle, an rechtssicheren Verfahren und an Prävention, die Zielgruppen tatsächlich erreicht.

Auch der volkswirtschaftliche Schaden ist erheblich: Für NRW werden Unfallkosten von über 9,3 Milliarden Euro ausgewiesen. Das unterstreicht zusätzlich, dass Verkehrssicherheit nicht nur menschlich, sondern auch gesellschaftlich ein Schwergewicht ist.

Vulnerable Verkehrsteilnehmende im Fokus

Ein Schwerpunkt der Bilanz liegt auf Verkehrsteilnehmenden, die im Straßenraum besonders verletzlich sind – und deren Risiken sich in den Daten deutlich abzeichnen.

Im Rad- und Pedelecverkehr zeigen sich mehrere Merkmale gleichzeitig: An 34 % aller Personenschadensunfälle sind Rad- oder Pedelecfahrende beteiligt. Zugleich werden 106 Tote im Radverkehr genannt – Höchstwert im Zehnjahresvergleich. Auffällig ist außerdem die Unfallform: 28 % der Personenschadensunfälle mit Rad / Pedelecbeteiligung sind Alleinunfälle; bei tödlichen Unfällen liegt der Anteil noch höher (Pedelec 43 %, Fahrrad 33 %). In Konflikten mit anderen Verkehrsteilnehmenden sind Rad- und Pedelecfahrende häufig Opfer: In 66 % dieser Personenschadensunfälle liegt die Hauptursache beim anderen Verkehrsteilnehmenden – besonders bei Vorfahrt / Vorrang, Abbiegen und Einfahren in den fließenden Verkehr. Gleichzeitig werden als typische Ursachen auf Seiten der Rad-/ Pedelecfahrenden Alkohol, Geschwindigkeit und Ablenkung hervorgehoben. Für die Prävention besonders wichtig ist zudem der Blick auf junge Menschen: Bei Pedelecs wird eine deutliche Zunahme verunglückter Kinder beschrieben (auf 266, plus 59 %).

Bei E-Scootern wächst das Risikofeld schnell. Die Auswertungen verweisen auf einen starken Markthochlauf (Versicherungsbestand von 180.000 im Jahr 2020 auf 990.000 im Jahr 2023; 79 % Privatbesitz) – und parallel aufsteigende Unfallfolgen. Für 2025 werden rund 3.900 Verunglückte genannt (plus 50 % gegenüber 2024); zudem enden 96 % der polizeilich erfassten E-Scooter Unfälle mit Personenschaden. Besonders sensibel ist die Kinderdimension: 566 verunglückte Kinder (bis 14 Jahre) und ein Anstieg dieser Gruppe um 72 % werden ausgewiesen. Ausdrücklich weist Minister Reul auch auf Regelverstöße hin: E-Scooter dürfen erst ab 14 Jahren im öffentlichen Straßenverkehr gefahren werden; die Mitnahme von Personen ist unzulässig. Im Detail werden 362 verunglückte Vierzehnjährige und 204 Kinder im Alter bis 13 genannt; letztere entsprechen 36 % der verunglückten Kinder.

Auch im Motorradbereich steckt ein ambivalentes Signal: Die Zahl der getöteten Motorradfahrenden sinkt deutlich (von 86 auf 45, minus 48 %, niedrigster Zehnjahreswert). Gleichzeitig steigen die Verletztenzahlen: Leichtverletzte plus 18 %, Schwerverletzte plus 3 %. Thematisiert werden zudem typische Konstellationen (unter anderem hoher Anteil von Alleinunfällen, häufige Fehler wie unangepasste Geschwindigkeit, riskantes Überholen, geringer Abstand oder Ablenkung) sowie zielgerichtete Präventionsansätze (Training, Schutzkleidung / Airbag Westen, Aktionstage).

Polizeiarbeit als Sicherheitsnetz und Lernfeld im Studium

Verkehrssicherheit ist eine Daueraufgabe der Polizei Nordrhein-Westfalen – 365 Tage im Jahr. Das Spektrum reicht dabei von der Prävention über Kontrolle und Durchsetzung bis zur Unfallaufnahme und Ermittlungsarbeit. Gerade diese Kombination macht Verkehrssicherheitsarbeit so wirksam: Sie verbindet unmittelbare Gefahrenabwehr (Absichern, Retten, Sperren), konsequente Rechtsdurchsetzung (Alkohol / Drogenfahrten, Geschwindigkeitsverstöße, Vorfahrt und Abbiegeverstöße) und den Erkenntnisgewinn aus Daten (Unfallanalyse, Lagebilder, Schwerpunktplanung).

Exemplarisch Präventionsbausteine sind laut Minister Reul die Verkehrssicherheitsberatung an Schulen, Pedelec- und Seniorentrainings sowie VR-Simulatoren. Auf der Kontrollseite unterstreicht der Minister die hohe praktische Bedeutung des Themas Drogen: Es wurden bei Verkehrskontrollen rund 24.000 Drogenverstöße (ohne Unfall) festgestellt. Bei illegalen Rennen zeigt sich die Notwendigkeit spezialisierter Ermittlungen – von technischer Auswertung über beweissichere Dokumentation bis zu Maßnahmen gegen Fahrerlaubnis und Fahrzeuge.

Für das Polizeistudium ist die Verkehrsunfallbilanz damit mehr als ein Jahresrückblick: Sie ist ein Lehrstück moderner, evidenzorientierter Polizeiarbeit. Studierende lernen hier, wie aus Statistik Handlung wird: Risiken erkennen, Maßnahmen planen, rechtssicher umsetzen, Wirkung prüfen – und dabei mit Partnern zusammenarbeiten (Kommunen, Straßenbaulastträger, Schulen, Verbände, Rettungsdienste). Aus didaktischer Perspektive ist es ein ideales Feld, um Kompetenzen zu verbinden: Rechtsanwendung, Taktik, Kommunikation, Technikverständnis und Datenkompetenz.

Hinweis

Vertiefende Grafiken, Detailtabellen und weiterführende Einordnungen sind im unten beigefügten Medienpaket des Ministeriums des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen gesammelt.

Effizienzinitiative mit Blick nach vorn

Die Effizienzinitiative der Polizei NRW vom Februar 2026 setzt wichtige Impulse: weniger Reibungsverluste, modernere Abläufe, mehr Zeit für Kernaufgaben. Gleichzeitig zeigt der Beitrag „Verkehrssicherheit ist kein Streichposten“ an drei Beispielen, wo Effizienz fachlich klüger gedacht werden sollte, damit Vision Zero nicht aus dem Blick gerät: Unfallaufnahme darf nicht „ausgedünnt“ werden, sondern sollte digital vereinfacht werden; wirksame Geschwindigkeitsüberwachung braucht Flächendruck und darf nicht ausgerechnet an den falschen Stellen verschwinden; und verkehrspolizeiliche Fachlichkeit sollte als Qualitätsmotor erhalten bleiben, statt im Alltagsdruck anderer Dauerlagen unterzugehen.

Positiv formuliert: Wenn Effizienz als Modernisierung verstanden wird – mit Digitalisierung, smarter Datennutzung und zielgenauer Schwerpunktsetzung – kann sie Verkehrssicherheit stärken, statt sie zu schwächen. Genau dort liegt die Chance, das Leitbild Vision Zero praktisch weiter voranzubringen.