Weltoffenheit als BeamtentugendDie Perspektive der (Tugend-)Ethik

Jemand sitzt an einem Schreibtisch und stempelt einen Antrag ab.
Der Beitrag befasst sich mit dem Begriff Beamtentugend und der (Tugend-)Ethik
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Was sind eigentlich weltoffene Beamtinnen und Beamte? Wie kann man selbst weltoffen werden (oder bleiben)?

Im folgenden Beitrag soll diesen Fragen aus der Perspektive der (Tugend-)Ethik nachgegangen werden.

Wer taugt zur Verbeamtung?

Beamtinnen und Beamte müssen nach Grundgesetz Art. 33, Abs. 2 bestimmte Anforderungen an Eignung, Befähigung und fachliche Leistung erfüllen. Die „Eignung“ erfasst dabei unter anderem „charakterliche Eigenschaften“, wie es beispielsweise in der Bundeslaufbahnverordnung festgeschrieben steht. Im Fach Ethik, das in den Studiengängen der HSPV NRW gelehrt wird, kommen die Lehrenden auf eine besondere Form der „charakterlichen Eigenschaften“ zu sprechen: nämlich auf die sogenannten Tugenden.

Etymologisch ist der Begriff der „Tugend“ mit den Begriffen „taugen“ beziehungsweise „tüchtig“ verwandt. Wer tugendhaft ist, taugt also etwas. In der Ethik beschreiben Tugenden die vortrefflichen Eigenschaften und vorbildlichen Charaktermerkmale von Personen, vor allem in Bezug auf moralisches Verhalten. Dabei prägen Tugenden die sogenannten Haltungen. Diese, wiederum, sind Grundeinstellungen und Denkweisen, die Menschen besitzen und die beispielsweise beim Urteilen zum Tragen kommen. Eine Haltung zu haben und diese auch zu zeigen, ist eine Eigenschaft von Beamtinnen und Beamten, die von Politik und Verwaltungsspitze erwartet wird.

Tugenden sind ferner Teil eines sogenannten Berufsethos, in dem eine Berufsgruppe eine sie bestimmende Moral fasst. Die Berufsgruppe kultiviert dieses Ethos und vermittelt es weiter an nachfolgende Generationen.

Zu den Tugenden, die in der Ethik seit über 2500 Jahren behandelt werden und die einem individuell den Weg zu einem gelingenden (Berufs-)Leben zeigen, gehören beispielsweise Weisheit, Ehrlichkeit, Mäßigung, Besonnenheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit. Diese Tugenden können Teil des Beamtenethos sein. Studierende an der HSPV NRW selbst sprechen zudem häufig von den Tugenden der „Teamfähigkeit“ oder der „Menschlichkeit“. Eine weitere Tugend, die zudem zum Beamtenethos – sei es bei der Polizei oder der allgemeinen Verwaltung – gehören könnte, ist die „Weltoffenheit“.

Was ist Weltoffenheit?

Was heißt „Weltoffenheit“ überhaupt? Dieser Frage muss man wohl zuerst nachgehen. Und wie bekommt man heutzutage Antworten auf solche Fragen? Mit einer KI natürlich. Als Zeichen, dass man selbst als knorriger mittelalter Akademiker – der Informationsrecherchen an Zettelkästen in Unibibliotheken gewohnt war und noch immer Internetsuchmaschinen und Wikipedia äußerst kritisch gegenübersteht – auch weiteren technologischen „Innovationen“, die akademisches Arbeiten grundlegend zu verändern drohen, gegenüber offen sein kann, wird eine entsprechende Website geöffnet. Denn zuerst einmal ist vielleicht die „Offenheit“ selbst eine Tugend: offen Neuem, Anderem oder Fremdem gegenüber zu sein. Nicht unbegrenzt weit offen, nicht naiv offen – aber zumindest nicht zu ängstlich, verweigernd oder ablehnend allem gegenüber, was auf einen zukommt. Man fragt also die KI. Und die freundliche KI antwortet sofort:

„‘Weltoffenheit‘ bezeichnet eine Haltung oder Einstellung, die von Toleranz, Offenheit und Interesse gegenüber anderen Kulturen, Meinungen und Lebensweisen geprägt ist. Eine weltoffene Person ist offen für neue Erfahrungen und Ideen, zeigt Respekt und Verständnis gegenüber Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Ethnien und sozialen Gruppen und ist bereit, über den eigenen kulturellen oder nationalen Horizont hinauszublicken. Im politischen oder gesellschaftlichen Kontext wird Weltoffenheit oft mit einer Haltung der Integration und des interkulturellen Dialogs in Verbindung gebracht, bei der Vielfalt als Bereicherung angesehen wird.“

Ohne, dass man jetzt genau versteht, woher die KI den Input für diese Definition und Ausführungen gesogen hat oder wie sie sie zu ganzen und sogar zusammenhängenden Sätzen verarbeitet hat, wird die Aussage mit anderer KI („Konventioneller Intelligenz“) geprüft: Ja, die Definition macht inhaltlich Sinn. Sogar schön geschrieben. Kann man den Leserinnen und Lesern des Newsletters also zumuten.

Die Frage, die sich nun anschließt, ist: Kann Weltoffenheit denn überhaupt eine Tugend sein? Vermutlich schon: Insofern man Tugend als eine persönliche charakterliche Eigenschaft ansehen kann, die Neuem prinzipiell mindestens tolerant und respektvoll, vielleicht sogar neugierig, entgegentritt.

Um sich der Frage traditioneller zu nähern: Der antike Philosoph und Mitbegründer der Tugendethik Aristoteles hält Tugenden in seinem Werk „Nikomachische Ethik“ für anzustrebende Charaktereigenschaften. Tugenden stellen für ihn die Mitte und das richtige Maß zwischen zwei Extremen dar. In diesem Fall wäre Weltoffenheit als Tugend die goldene Mitte zwischen der persönlichen Eigenschaft der „Weltverschlossenheit“ – also grundlegender Ablehnung und Nicht-Toleranz gegenüber allem Anderen, Fremden und Neuen – und einer „Weltnaivität“, die unreflektiert alles annimmt und gutheißt, was einem entgegenkommt. Also beispielsweise auch neue extreme Strömungen und Weltanschauungen. Eine wohlverstandene Weltoffenheit als Tugend zwischen zwei extremen Eigenschaften, jedoch, erinnert daran, dass es Toleranz und Achtung geben sollte, und prüft, was diese bedeuten beziehungsweise wie weit diese gehen müssen und dürfen.

Was bringt das in der Praxis?

Warum ist Weltoffenheit für Beamtinnen und Beamte (bei der Polizei, auf den Ämtern etc.) so wichtig? Manch einem kann Weltoffenheit als Selbstzweck schon genug sein. Aber gerade Amtsträgerinnen und Amtsträgern steht Weltoffenheit nicht nur gut, sondern sie ist auch eine notwendige Eigenschaft für gutes verwalterisches Handeln. Es soll nur ein Aspekt aus der Definition herausgegriffen werden: Der Respekt gegenüber Menschen verschiedener Länder und sozialer Gruppen.

Respekt ist ein Thema, das immer wieder in den Seminaren der HSPV NRW zur Sprache kommt. Angeblich wird die Gesellschaft immer respektloser. Die Menschen zeigen untereinander und den Amtsträgerinnen und Amtsträgern in Uniform oder in der Amtsstube gegenüber immer weniger Respekt. Wenn man diesen vermisst, sollte man doch vielleicht bei sich anfangen und sich fragen: Bin ich eigentlich respektvoll anderen gegenüber? Und mit „respektvoll“ kann nicht gemeint sein, vor anderen (oder Uniformen) zu „kuschen“, sondern den anderen in seiner Freiheit und Würde anzuerkennen und entsprechend zu behandeln. In der Sprache der Ethik könnte man einen „performativen Selbstwiderspruch“ ausmachen, wenn man einerseits die Respektlosigkeit in der Gesellschaft verurteilt, selbst aber nicht den Ansprüchen der gegenseitigen Achtung, jenseits aller Ich-Befangenheit, folgt.  

Respekt bedeutet im Berufsalltag vielleicht konkret: Geduldig zu sein beziehungsweise gelassen zu bleiben, Personen, die sich nicht so gut ausdrücken können oder vielleicht ungelenk verhalten, Hilfe anzubieten und, wie es im Amtseid in NRW heißt, „Gerechtigkeit gegen jedermann“ (und jederfrau) walten zu lassen. Oder, ganz im Sinne einer erlernten und vielfach bestätigten Alltagsmoral, sich in die Position des anderen zu versetzen und sich zu fragen: Wie würde ich gerne in dieser Situation behandelt werden? Wenn ich freundlich und offen anderen, Fremden gegenüber bin, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich ebenso mir gegenüber verhalten, ferner wohl auch größer.

Und: Was bringt das dem einzelnen Beamten oder der einzelnen Beamtin? Die Frage sei erlaubt, denken Menschen doch oft vor allem an ihre eigene Nase und messen Moral mitunter am Eigennutzen und Eigeninteresse. So eingeschränkt eine solche exklusive Messlatte in eigener Nasenlänge ist, so wenig darf man diese Ich-Bezogenheit ignorieren; hat sie vielleicht sogar eine gewisse Legitimität. Deswegen hier noch eine Idee, was einem selbst Weltoffenheit bringt, sofern man dies als Bewertungsmaßstab heranziehen will: Offenheit und Optimismus machen Spaß und können Freu(n)de bringen. Wer freudig und optimistisch ist und sich auf freundliche Bindungen mit anderen Menschen einlässt, lebt wohl zufriedener und vielleicht auch länger – darauf deutet moderne epidemiologische Forschung hin.

Wie erreiche ich Tugenden?

Wenn also Weltoffenheit eine wichtige Beamtentugend ist und sogar zum gelingenden persönlichen (Berufs-)Leben beitragen kann, wie erreicht man sie – sofern man sie noch nicht besitzt – oder erhält sie sich? Tugendethiker wie Aristoteles gehen davon aus, dass man Tugenden herausbilden und kultivieren kann. Tugenden kann man einüben, bis sie zur fest verwurzelten Charaktereigenschaft werden. Vielleicht kann man sich das so vorstellen, als müsse man sich anfangs zwingen, regelmäßig ins Fitnessstudio zu gehen. Wenn man aber oft genug und regelmäßig dort war, fällt einem der Besuch der Muckibude nicht nur weniger schwer, er wird einem zur lieben Gewohnheit. Soll heißen, vielleicht muss man sich ein paar Mal zur besonderen Toleranz, Akzeptanz oder Achtung des Anderen und Fremden – dem, was die weite Welt so zu bieten hat – zwingen. Aber wenn man dies (immer wieder) mit der richtigen, offenen, neugierigen, freundlichen, hilfsbereiten Einstellung tut, geht es später wie von alleine.

Für stoische Tugendphilosophen wie Seneca erreicht man Tugend, wie man die Fähigkeit erlernt, ein Instrument zu beherrschen: durch Übung und Training. Dann geht irgendwann diese Eigenschaft in eine in sich stimmige Lebens- beziehungsweise Amtsführung, eine gefestigte Haltung über. Das Erkennen und das Einüben von Tugenden führt also zu einer kohärenten moralischen Praxis (im Privaten und Dienstlichen). Dazu gehört auch, dass die Gefühlswelt durch die Vernunft eingehegt wird. Nicht, dass Emotionen verdrängt oder ganz abgewertet werden müssen. Aber eine ständige vernünftige – also von Ich-Befangenheit befreite, intersubjektive, sachorientierte – Auseinandersetzung mit Themen wie Weltoffenheit, die gegebenenfalls durch Sorgen, Ängste, Fremdheitsgefühle, Bequemlichkeit oder ähnliches eingeschränkt sein könnte, sollte nach stoischem Verständnis dazu führen, die Tugend der Weltoffenheit zu erwirken oder zu verstärken.

Mit der regelmäßigen Thematisierung und Einübung von, unter anderem, interkultureller Kompetenz, TSK, Ethik und so letztlich Weltoffenheit an der HSPV NRW, sind wir auf einem guten Weg, essenzielle (Beamten-)Tugenden für ein gelingendes (Berufs-)Leben zu vermitteln, würden Stoiker vermutlich sagen.