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Zu schlau für Rassismus? Interview mit der Rassismusbeauftragten der Universität zu Köln

Mit Prof. Dr. Katajun Amirpur hat die Universität zu Köln als erste Hochschule in Deutschland seit diesem Jahr eine Rassismusbeauftragte, welche zum Prorektorat für Karriere und Chancengleichheit gehört

Mit Prof. Dr. Katajun Amirpur hat die Universität zu Köln als erste Hochschule in Deutschland seit diesem Jahr eine Rassismusbeauftragte.
Prof. Dr. Katajun Amirpur

Im Interview erzählt Frau Prof. Amirpur, was sich hinter der Position verbirgt, wie rassismuskritisches Wirken an einer Universität aussehen kann und welchen Herausforderungen sie dabei begegnet.
 

  • Frau Prof. Amirpur, wo begegnet man an einer Universität Rassismus?
    In der Universität findet man Rassismus überall. In den Texten, die im Seminar gelesen werden und rassistisches Wissen reproduzieren. Im Umgang von Lehrenden mit Studierenden. Unter Studierenden. Bei der Einstellung, also der Berufung von Professor:innen. Universitäten sind in Deutschland im Hinblick auf die Professorenschaft weitgehend weiße Orte. Man muss sich fragen, woran das liegt, denn BIPoC-Studierende haben wir ja genug. Und außerdem ist die Hochschule ein Ort wie jeder andere auch, will heißen: wie an jedem anderen Ort, gibt es auch hier Rassismus.

     
  • Sie sind die erste Rassismusbeauftragte an einer deutschen Hochschule überhaupt und damit auch an der Universität zu Köln. Bislang gab es an der Universität Beschwerdestellen für Studierende und Lehrende. Was ist der Unterschied zu Ihrer Position?
    Es geht zum einen darum, das Thema auf der Professor:innenebene anzusiedeln, da man manchmal mit einem akademischen Titel etwas weiterkommt, bestimmte Themen anzustoßen. Zum Beispiel, wenn es darum geht, Kolleg:innen anzusprechen. Im Grunde ist es eine Stelle, um Sachen zu koordinieren, Ideen zu entwickeln, wie man rassismuskritisch wirken könnte an der Universität. Es geht darum, verschiedene Aktionen und Themen zu bündeln und als Schnittstelle zu fungieren. Wir haben an der Universität zu Köln einige bereits bestehende Projekte, wie zum Beispiel das Autonome BIPoC-Referat und das Forum Decolonizing Academia. Das alles zusammenzubringen, ist die Aufgabe und der Unterschied zu einer reinen Beschwerdestelle.

     
  • Wie und wo kann eine Hochschule rassismuskritisch wirken?
    Eigentlich wirkt es sich auf alle Bereiche innerhalb einer Universität aus. Wir sind da noch ganz am Anfang, denn Rassismus ist in Deutschland noch nicht so lange ein Thema, vor allem hinsichtlich der Frage, wie rassistisch unsere Gesellschaft ist. Deswegen ist es auch Aufgabe meiner Stelle zu schauen, was andere in diesem Bereich machen, die da schon viel weiter sind, wie beispielsweise die USA und Großbritannien. Was gibt es da an Forschung zu dem Thema und welche Problemfelder kann man orten.

    Rassismuskritik an der Universität betrifft in der Tat die verschiedensten Bereiche. Zum Beispiel rassismuskritische Lehre: Welche Worte werden benutzt und welche werden nicht benutzt? Welche Texte werden gelesen? Wie gehe ich mit bestimmten Texten um, die gelesen werden? Kant benutzt das N-Wort nun mal. Wie gehe ich als Lehrende damit um? Spreche ich es aus? Mache ich eine Triggerwarnung? Kontextualisiere und thematisiere ich es?

    Es geht aber auch darum, sich anzuschauen, wo die gläserne Decke ist, die es ja gibt. Denn als feststand, es solle eine Rektoratsbeauftragte für den Bereich Rassismuskritik geben, hat man nach einer geeigneten Person an der Universität gesucht. Es wäre sicher sinnvoll gewesen, eine Schwarze Person auf die Stelle zu setzen, gerade wenn es um Repräsentanz geht und Sichtbarmachung. Man hat tatsächlich keine gefunden an unserer Universität: Wir haben in der Tat keine Schwarze Professorin. Da fragt man sich, wo die gläserne Decke ist, denn wir haben ja Schwarze Studierende und einen Anteil von Personen mit Migrationshintergrund von ca. 30 Prozent. Es ist wichtig, nachzuvollziehen, wie das passiert, um darauf zu reagieren, zum Beispiel mit einem Mentoringprogramm, wie das auch in anderen Bereichen etabliert ist.

    Das Forum Decolonizing Academia an der Universität zu Köln macht da schon ganz viel. Im Herbst wird beispielsweise eine Vorlesungsreihe angeboten, in der eine Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit der einzelnen Fächer stattfindet. Und das nicht nur allgemein aufs Fach bezogen, sondern was hat das Fach an unserer Hochschule für eine koloniale Vergangenheit. Das Fach, aus dem ich komme, die Islamwissenschaft, hat auch eine koloniale Vergangenheit.

    Das sind so einige Themenbereiche, in denen man wirken kann, und daneben gibt es natürlich die alltägliche Diskriminierung von Studierenden gegenseitig und auch von Seiten der Lehrkörper.


     
  • Was sind die größten Herausforderungen und Mythen, denen Sie in der rassismuskritischen Arbeit an der Universität begegnen?
    Die größte Herausforderung ist, dass die meisten Menschen denken, sie hätten mit dem Thema gar nichts zu tun. Dass sie sagen, „ich bin doch kein Rassist“. Erstens ist es in Deutschland schwierig, da man denkt, man ist entnazifiziert. Und zweitens, an einer Hochschule denken viele Hochschullehrer:innen, mal platt gesagt, sie seien zu schlau für so etwas. Sie können ja keine Rassist:innen sein, da sie einen oder mehrere Hochschulabschlüsse haben. Rassismuskritik ist ja nicht die Unterstellung, dass man Springerstiefel trägt, sondern es geht darum, sensibel bei sich selbst zu schauen, wo formuliert man so, dass es andere treffen könnte.

    Wichtig ist auch, darüber aufzuklären, dass das Kriterium nicht ist, ob es rassistisch gemeint war, sondern wie es beim anderen ankommt. Und dass die ganzen Bagatellisierungen wie „Stell dich doch nicht so an“ oder „Das ist doch jetzt nicht das Thema, wir reden über einen wichtigen Philosophen“ letztendlich ein absolutes No-Go sind. Es ist wichtig aufzuklären, dass man nicht so bagatellisierend mit Menschen umgehen kann, die sagen, dass sie sich dadurch betroffen fühlen. Eigentlich ist das ganz einfach, aber für viele ist es nicht so leicht, sich darauf einzulassen und zuzugeben, dass man selber rassistische Ansichten verinnerlicht hat.


Das Interview führte Prof. Dr. Gina Rosa Wollinger, Abteilung Köln.