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Bildungschancen in DeutschlandDiversität und Bildungsgerechtigkeit

In der Kolumne „Weltoffene Hochschule“ ging es in der Februar-Ausgabe in einem Beitrag von Ulrich Walbrühl um den Begriff Diversität. Nun soll beleuchtet werden, welche Zusammenhänge zwischen Diversität und Bildungsgerechtigkeit in Deutschland existieren.

Hierbei werden die vorgestellten sechs inneren Dimensionen der Diversität betrachtet, die „Big Six“: Geschlecht, sexuelle Orientierung, Nationalität & Ethnie, Alter, Religion und körperliche Fähigkeiten.

Bereits die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ von 1948 schreibt das Recht auf Bildung als Menschenrecht fest. Unter Bildungsgerechtigkeit wird die gleichberechtigte Teilhabe an Bildungschancen verstanden. Inwiefern ist diese Teilhabe, also die Chance von Personen am Bildungssystem zu partizipieren, in Abhängigkeit der oben genannten Kriterien ungleich verteilt?
 

Geschlecht

Abitur und Hochschulzugang waren bis 1908 dem männlichen Geschlecht vorbehalten. Danach gab es zunächst geschlechtsspezifische Schulen und Lehrpläne, bei denen für Jungen eher eine akademisch-naturwissenschaftliche Ausrichtung, für Mädchen schwerpunktmäßig hauswirtschaftliche Fächer im Vordergrund standen.
Erst seit den 1960er Jahren wurde das Bildungssystem ausgebaut, neue Schul- und Hochschulformen entwickelt und Unterschiede im Zugang qua Geschlecht verschwanden. Dies machte sich rasch bemerkbar: Während noch 1965 doppelt so viele Männer wie Frauen ihr Abitur ablegten, hatte sich der Unterschied schon 1975 egalisiert. Heute sind nur ca. 45 Prozent eines Abiturjahrgangs männlich (Hannover & Olrogge, 2021).
Bei den Studiengängen zeigen sich je nach Fach teils deutliche Unterschiede, so sind bei vielen naturwissenschaftlich-technischen Fächern weibliche Studierende unterrepräsentiert. Es wird diskutiert, inwiefern diese Unterschiede auf Benachteiligungen bei der Vermittlung von Grundfertigkeiten in der Schule, auf Stereotype und Rollenbilder oder auf tatsächliche Voraussetzungen zurückzuführen sind. Zudem gibt es zur diversen Schülerschaft bislang noch keine belastbaren Daten bezüglich der Bildungsgerechtigkeit.
 

Sexuelle Orientierung

Nicht-heterosexuelle Schülerinnen und Schüler gehören inzwischen mit zum schulischen Alltag, dennoch sind sie Vorurteilen und Diskriminierung, vor allem durch ihre Mitschülerinnen und Mitschüler, noch vielfach ausgesetzt. Der Bildungserfolg kann durch solche Erfahrungen beeinträchtigt werden. In der 4. Klasse der Grundschule wird erstmals Sexualunterricht erteilt. Hier ist es wichtig, dass verschiedene sexuelle Identitäten thematisiert und gleichwertig nebeneinandergestellt werden und auch Elternabende zu dieser Thematik stattfinden.
 

Nationalität & Ethnie

Bei Unterschieden hinsichtlich der Nationalität & Ethnie ist zunächst die Sprachfähigkeit von Relevanz. Die Beherrschung der deutschen Sprache ist an fast allen Schulen und Hochschulen Voraussetzung für die Bewältigung des Curriculums, daneben wird oft herkunftssprachlicher Unterricht erteilt. Angebote in anderen Sprachen sind sowohl im sekundären als auch im tertiären Bildungssektor eher selten und beschränken sich oft auf kostenpflichtige Privatinstitute. Menschen mit familiärer Einwanderungsgeschichte sind jedoch proportional häufiger in Schulformen zu finden, die nicht für eine akademische Laufbahn qualifizieren. Eine entscheidende Komponente stellt hier die finanzielle Situation dar: Auch wenn der Zugang zu Schule oder Hochschule kostenfrei ist, steht in begüterten Familien etwa neunmal so viel Geld für Lernmittel und -materialien sowie Nachhilfe zur Verfügung, was sich am schulischen Erfolg bemerkbar macht.
 

Alter

Die Schulpflicht bis zum 18. Lebensjahr führt vordergründig dazu, dass allen Kindern und Jugendlichen ein Bildungsweg ermöglicht wird. Dabei werden überwiegend altershomogene Gruppen gemeinsam unterrichtet. Im tertiären Bildungsbereich ist heute eine größere altersmäßige Vielfalt anzutreffen als vor der Bologna-Reform. Insbesondere durch duale Angebote und Fern- und Teilzeitstudiengänge lassen sich Beruf und Studium heute deutlich besser kombinieren, sodass auch älteren Personen ein Berufs- beziehungsweise Studienabschluss ermöglicht werden kann. Hierbei ist zu bedenken, dass Menschen, die in höherem Lebensalter studieren oft familiäre und finanzielle Verpflichtungen haben. Flexible Arbeitszeiten, Studienkredite und andere Angebote schaffen auch für diese Gruppe die Möglichkeit, einen hochschulqualifizierenden Abschluss sowie akademische Grade zu erwerben. Dieser Weg kann jedoch eine Kraftanstrengung bedeuten und wird daher häufig abgebrochen.
 

Religion

Dank der Religionsfreiheit bestehen zunächst keine Zugangshindernisse zu Bildungseinrichtungen aufgrund von Religiosität. Bringt die Ausübung der Religion jedoch bestimmte Notwendigkeiten mit sich, wie zum Beispiel Vorschriften über die zu tragende Kleidung, Gebets- oder Ruhezeiten, so können sich Konflikte mit Vorgaben im Unterrichts- oder Studienverlauf ergeben. Eine gläubige Person kann somit am Erwerb von Schul- und Studienabschlüssen gehindert sein. Angehörige des christlichen Glaubens haben es in Deutschland auch deshalb leichter, weil an hohen Feiertagen keine Lehrveranstaltungen oder Prüfungen stattfinden.
 

Körperliche Fähigkeiten

Nicht alle Bildungsräume, sei es virtuell oder in Präsenz, sind barrierefrei aufzusuchen. Technische Hilfsmittel, wie zum Beispiel Aufzüge oder Mikrofonanlagen, können, sofern sie existieren, Nachteile oftmals ausgleichen. Die meisten Bundesländer setzen mittlerweile auf Inklusion, da sich durch gemeinsamen Unterricht mit Schülerinnen und Schülern mit und ohne Förderbedarf soziale und kognitive Vorteile ergeben. Allerdings gibt es regionale Unterschiede: Während im Süden und Osten Deutschlands zwischen fünf und sechs Prozent der Kinder mit Förderbedarf an Förderschulen unterrichtet werden, sind es in Bremen nur 1,2 Prozent (Klemm, 2018).


Insgesamt kann gesagt werden, dass Bildungsgerechtigkeit in Deutschland immer noch nicht uneingeschränkt gegeben ist. Die gesellschaftliche Entwicklung zeigt aber, dass die Bildungspolitik im Rahmen ihrer Maßnahmen inzwischen die sechs inneren Dimensionen von Diversität berücksichtigt und damit zunehmend Bildungschancen erhöht.