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Kolonialismus und Rassenideologien Die Maafa und die Entstehung von Rassentheorien

Von Prof. Dr. Gina Wollinger Weltoffene Hochschulen
© corlaffra - stock.adobe.com

Im 15. Jahrhundert begannen die Europäerinnen und Europäer mit ihren sogenannten „Entdeckungen“ anderer Teile der Welt. Mittels Gewalt dehnten sie ihre Macht aus. Dies gelang über die Vereinnahmung von Land und Rohstoffen sowie über Plünderungen und fragwürdige Handelsbeziehungen. Zur Handelsware wurden hierbei auch Menschen.

Als Schiffe aus Europa, beladen mit diversen Produkten, wie Waffen, Stahl und Alkohol, Kurs auf die westafrikanische Küste nahmen, um ihre Waren gegen zuvor gewaltvoll verschleppte Menschen einzutauschen, stellte dies jedoch nicht die Erfindung der Sklaverei dar. Das Phänomen, über Menschen gegen ihren Willen zu verfügen, sie gefangen zu halten, zu bestimmten Tätigkeiten zu zwingen und damit wie Eigentum zu behandeln, ist schon aus der griechischen Antike und aus weiteren Epochen der Geschichte bekannt. Neu war jedoch die Systematisierung und Institutionalisierung von Sklaverei, die mit dem Kolonialismus und dem transatlantischen Sklavenhandel entstand und zu einem „nie gesehenen Ausmaß an Grausamkeit“ (Ogette, 2020, S. 33) führte.

Die Maafa1, der sogenannte afrikanische Holocaust, betraf mehr als elf Millionen Menschen, die in diesem Zusammenhang versklavt wurden. Europa profitierte hiervon: Der wirtschaftliche Aufstieg im 17. Jahrhundert ist nicht ohne die Maafa zu erklären.2

Wie schaffen es nun aber Menschen, anderen die Grausamkeiten anzutun, die mit dem ausbeuterischen und menschenverachtenden Kolonialismus einhergingen? Fest steht: Europäerinnen und Europäer begannen nicht, andere zu töten, zu unterwerfen und zu verkaufen, weil sie Rassistinnen oder Rassisten waren. Im Vordergrund stand das wirtschaftliche Interesse. Rassistinnen beziehungsweise Rassisten wurden sie erst in der Folge:
 

„Die Europäer waren nicht zu Sklavenhändlern geworden, weil sie Rassisten waren. Andersherum wird ein Schuh draus. Sie wurden Rassisten, um Menschen für ihren eigenen Profit versklaven zu können. Sie brauchten eine ideologische Untermauerung; eine moralische Legitimierung ihrer weltweiten Plünderungsindustrie. Kurz und plakativ: Sie wollten gut schlafen.“ (Ogette, 2020, S. 33f.)


Begegnungen zwischen Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe gab es bereits vor den kolonialen Bestrebungen. Schon vorher lebten schwarze Menschen in Europa. Die Hautfarbe war bis dahin aber nicht von derartiger Bedeutung. Die Idee der Rasse wurde erst im 17. Jahrhundert, als Legitimierung des europäischen Handelns, erschaffen. War die Bezeichnung „Rasse“ bis dahin nur als Klassifizierung in der Tier- und Pflanzenwelt bekannt, begann der französische Arzt Francois Bernier als erster damit, diesen Begriff auf Menschen zu übertragen. Alle späteren Rassentheorien gingen dabei mit einer Wertung einher, wobei immer die „weiße“ Rasse als „beste“ eingestuft wurde. Diese Rassenvorstellung findet sich in der Folge nicht nur in pseudowissenschaftlichen Abhandlungen, sondern auch in der Literatur der Aufklärer, ebenso wie in christlich-religiösen Schriften.

Die Rassenideologien bildeten ein Konstrukt, mit dessen Hilfe sich die Ausbeutung, Unterwerfung und Ermordung von Millionen von Menschen begründen und legitimieren ließ. Dies funktionierte über die Merkmale, die den sogenannten Rassen zugeschrieben wurden: Die „weiße Rasse“ galt demnach als zivilisiert, erwachsen, fortschrittlich und vernünftig, während die anderen eher infantil, emotional, unterentwickelt sowie „wild“ seien und erst noch erzogen werden müssten.

Der Kolonialismus (insbesondere der oft bagatellisierte deutsche) und die Entstehung von Rassentheorien werden wenig in den europäischen Gegenwartsgesellschaften erinnert. In der Schule wird hierzu kaum etwas vermittelt. Sowohl das Wort Maafa als auch die Dimensionen des deutschen Kolonialismus sind in Deutschland nahezu unbekannt. Dies ist erstaunlich, da die Vorstellungen, die mit den Rassentheorien einhergehen, noch heute stark in der Werbung, in Filmen, in (Kinder-)Literatur und nicht zuletzt im Alltagsrassismus präsent sind.3 Um den heutigen Rassismus zu verstehen und ihm begegnen zu können, ist eine Auseinandersetzung mit der Entstehung des Rassismus im Kontext der Kolonialzeit (auch der deutschen) essenziell.
 

Empfehlungen zur weiteren Auseinandersetzung:

  • Terkessidis, Mark (201): Wessen Erinnerung zählt? Koloniale Vergangenheit und Rassismus heute. Hamburg: Hoffmann und Campe. ISBN 9783455010732.
  • Ogette, Tupoka (2020): Exit RACISM. Rassismuskritisch denken lernen. 8. Auflage. Münster: Unrast Verlag. ISBN 978-3-89771-230-0.
  • ZDF Magazin Royale: Das Humboldt Forum – Raubkunst in Berlin?
  • RESIST! Die Kunst des Widerstands. Online-Ausstellung des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln.

 


Fußnoten zum Artikel

1 Das Wort „Maafa“ ist Swahili und bedeutet „große Tragödie“ beziehungsweise „Katastrophe“. Es ist ein selbstbestimmter Begriff der Betroffenen und bezeichnet den transatlantischen Sklavenhandel.

2 An dieser Stelle kann nicht auf die aktuelle Situation der Sklaverei eingegangen werden, es soll aber doch darauf verwiesen werden, dass Sklaverei bis heute existiert. Eine Studie der International Labour Organization aus dem Jahr 2017 geht weltweit von einer Anzahl von 40 Millionen versklavten Menschen aus (International Labour Office, 2017. Global estimates of modern slavery: Forced labour and forced marriage. Geneva.).

3 Genannt seien an dieser Stelle auch der Bau und die Ausgestaltung des Humboldt-Forums in Berlin sowie die Diskussion um die Rückgabe von Raubkunst aus Kolonialzeiten (zum Beispiel die Benin-Bronzen).

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