Jüdisch – und weiter?Tagung zum „Jüdisch sein“

Zwei Bücher von Hanna Arendt liegen gestapelt auf einem Tisch.
Bücher von Hanna Arendt
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Tagung „‘Jüdisch-sein‘ denken? Kritische Befragungen mit Hannah Arendt“ am 13. und 14. Juni 2025 in Münster

Im Rahmen des Netzwerks „Weltoffene Hochschulen“ (WoH) hat sich der Hannah-Arendt-Kreis, ein informeller Zusammenschluss von Arendt-Forscher/innen, in diesem Jahr mit einer öffentlichen Tagung an der Universität Münster für Interessierte geöffnet. Auf Einladung von Prof. Dr. Frauke A. Kurbacher, Philosophin und Professorin für Ethik und interkulturelle Kompetenz an der HSPV NRW, und Tobias Albrecht, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politikwissenschaft, sollte es um die Frage gehen, was es in Vergangenheit und Gegenwart bedeutet (hat), jüdisch zu sein und wie „jüdisch sein“ ausgehend von Hannah Arendt  bedacht werden kann. 

Johanna Arendt, 1906 in Hannover-Linden geboren, wuchs in einem säkularen assimilierten jüdischen Elternhaus in Königsberg auf. 1924 beginnt sie Philosophie, Theologie und Gräzistik zu studieren, promoviert vier Jahre später in Philosophie über den „Liebesbegriff bei Augustinus“ bei Karl Jaspers in Heidelberg und geht nach Berlin, um weiter wissenschaftlich zu arbeiten. Als mit der nationalsozialistischen Machtübernahme der Terror beginnt, hilft sie Verfolgten bei der Organisation ihrer Flucht, bis sie 1933 selbst von der Gestapo kurzzeitig inhaftiert wird und wenig später ins Pariser Exil flieht. Dort wird sie Mitglied der World Zionist Organization  und engagiert sich als Generalsekretärin derJugend-Alijah für Emigrationsmöglichkeiten jüdischer Kinder und Jugendlicher nach Palästina. Mit Kriegsbeginn gerät sie in Frankreich in Internierungshaft; 1941 gelingt ihr schließlich mit ihrem Mann und ihrer Mutter die Ausreise nach New York. Dort schreibt sie für den New Yorker „Aufbau“ und verfasst ihr Hauptwerk „Origins of Totalitarianism“ zum Verhältnis von nationalstaatlichem Totalitarismus und Antisemitismus im 19. Jahrhundert, das 1951 erscheint. Im selben Jahr wird sie US-amerikanische Staatsbürgerin. Hannah Ahrendt forschte und lehrte als Professorin an verschiedenen Universitäten. Sie stirbt 1975 in New York. 

In kurzen Impulsreferaten wurde zunächst der Horizont vergegenwärtigt, vor dem sich Arendts Leben und Wirken bewegte. Eine zentrale Rolle in ihrem Denken spielte ihr weites Verständnis des Politischen als Raum der gemeinsamen Urteilsbildung, aus dem heraus Spielräume des verantwortungsvollen Handelns entstehen (können). Aspekte des Politischen kamen für Arendt auch schon im Verhältnis der (idealen) Freundschaft zum Tragen, erläuterte der Philosoph David Terwiel. Ich erfahre nach Arendt etwas über mich selbst und die Welt erst durch den Anderen in der Welt – nicht affirmativ im Sinne einer Identitätsbildung, sondern indem mir im Austausch eigene Möglichkeiten und Grenzen aufgehen. 

An diesem Punkt wurde deutlich, warum Arendts Denken sich nicht um die Bestimmung einer wie auch immer zu beschreibenden jüdischen Identität drehte; jüdisch (geboren worden zu) sein, war für sie ein biografisches Faktum und als solches kontingent und dem Politischen entzogen. Ihr Interesse galt vielmehr der Reflexion der jüdischen Perspektive(n): einer Perspektive der Diaspora, der Erfahrung von Ausgrenzung und Verfolgung, nach Auschwitz; einer Perspektive der Anpassung und Assimilation, der Vernetzung und Solidarität, der Differenz und Inklusion. Diese Perspektiven sind nicht exklusiv jüdisch im Sinn einer Fremdzuschreibung, sondern (mit)teilbare elementare Erfahrungen, die es nach Arendt mit vielen weiteren in einen pluralen politischen Diskurs aktiv einzubringen gilt. Arendt legt das Augenmerk hierbei auch auf unsere Sprache und unser Sprechen darüber, wie wir gemeinsam zu Beurteilungen kommen. Die Philosophin Astrid Hähnlein verweist in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung einer präzisen Beschreibung und Einordnung des Holocaust, um falschen Analogien im gegenwärtigen Diskurs zu begegnen. 

Arendt war aber nicht nur eine Denkerin des Politischen, sondern auch eine politische Denkerin. Und als solche sah sie sich für die jüdischen Perspektiven in der Politik verantwortlich. Der Philosoph Ole Meinefeld sieht bei Hannah Arendt politische Stile verwirklicht, die das Persönliche und das Personale stark machen, die das „Wagnis der Öffentlichkeit“ eingehen. Sie verweigern sich damit, so Meinefeld, sowohl einem idolatrischen Verhältnis zu politischen Repräsentanten als auch einer rein technisch basierten entpersonalisierten politischen Willensbildung.

Noch während des Kriegs machte sich Hannah Arendt aus dem Exil für die Gründung eines säkularen israelischen Staates stark. Dabei lehnte sie ein nationalstaatliches Konzept ab und plädierte für ein Einwanderungsland nach amerikanischem Vorbild. Nur darin sah sie eine Chance, Ressentiments zwischen den Bevölkerungsgruppen mittelfristig abzubauen, um die Folgen von Flucht und Vertreibung gemeinsam aufarbeiten zu können und die Situation im Nahen Osten dauerhaft zu befrieden. In der anschließenden Diskussion werden in Arendts Einlassungen auch Anknüpfungspunkte für Modelle einer postsouveränen Gesellschaft erkannt.

International bekannt wurde Hannah Arendt, als sie 1961 vom Eichmann-Prozess in Jerusalem berichtete und ihre Notizen 1963 in „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen“ veröffentlichte. Prof. Dr. Frauke A. Kurbacher hat hierzu einen Fall aus der jüngsten Forschung an der HSPV NRW vorgetragen. In einem juristischen Seminar 2022 zu den Gerichtsprotokollen konnte Prof. Dr. Susanne Benöhr-Lacqueur, promovierte Juristin und Professorin für Strafrecht an der HSPV NRW, zusammen mit ihren Studierenden einen hochrangigen österreichischen NS-Juristen entdecken. Es handelt sich um einen wirklichen Forschungscoup, weil mehr als sieben Jahrzehnte in der internationalen Forschung ergebnislos gerätselt wurde, wer die von Eichmann bei seinem Prozess genannte Person war. Recherchen ergaben nun, dass der Name falsch geschrieben protokolliert worden war, sodass im Nachgang ein enger Vertrauter Eichmanns und SS-Sturmbannführer – Dr. Ernst Langer alias Dr. Chlan – posthum enttarnt werden konnte. 

Mit Arendt, so folgerte Kurbacher, ginge es auch darum, sich die Facetten und Folgen von „Gedankenlosigkeit“ immer wieder neu vor Augen zu führen – persönlich und institutionell. Das Gelingen eines freiheitlich gestalteten und gestaltenden Gemeinwesens, dies mahnt Arendt an, hängt elementar von der selbstkritischen Reflexion der eigenen Perspektive und der Aufmerksamkeit und Achtung vor der Perspektive der Anderen ab.

Die kooperative Veranstaltung wurde von der HSPV NRW am Studienort Münster sowie vom Internationalen interdisziplinären Arbeitskreis für philosophische Reflexion (IiAphR) gefördert und ideell vom Institut für Geschichte und Ethik der Polizei und öffentlichen Verwaltung (IGE) unterstützt.

Im kommenden Jahr wird sich der Hannah-Arendt-Kreis („Hannah-Arendt-Workshop“ in der Selbstbezeichnung) vorrausichtlich in Freiburg zum Verhältnis von „Republik und Urteilskraft“ treffen.