Information und AberglaubeEin Bildungsplädoyer in aufklärerischer Absicht

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Ein Artikel aus der Reihe Philosophische Streifzüge
Das vielbesprochene digitale Zeitalter, auf das durchaus begründet auch einige Hoffnungen gesetzt sind, zeitigt gleichwohl eine Reihe von Problemen, die nicht unreflektiert bleiben können.
Zwar wäre es zu weit gegriffen und auch zu kulturpessimistisch betrachtet, von einem Verlust der Urteilskraft zu sprechen1 und doch stellt der digitale Strukturwandel gerade insbesondere Forderungen an unsere Beurteilungs- und Entscheidungsfähigkeit, die im Gegenzug vom Medium selbst jedoch nicht eigens gefördert oder überhaupt als besonders geforderter Anspruch deutlich werden. In Kombination mit einer Verlagerung von Wissens- zu Informationsgesellschaften, die zudem auch ganz real unter Verhältnissen stehen, in denen Bildung als Rahmenbedingung vielfältig und andauernd geschliffen wurde, stehen die Zeichen nicht günstig und bedürfen daher umso mehr einer gesteigerten Aufmerksamkeit und vor allem Verbesserung. Oder anders ausgedrückt, es bedarf offenbar auch in diesem Punkt digital verbreiterter Informationen einer neuerlichen Aufklärung, denn nichts anderes als „Verbesserung“ bedeutete dieser Begriff2 (der Aufklärung) den Aufklärern und Aufklärerinnen zu Beginn dieser Epoche des 18. Jahrhunderts, dem wir so viel an Errungenschaften zu verdanken haben.
In seiner Schrift über die Philosophie des Traums von 20083 hat der Kulturphilosoph Christoph Türcke kritische, geradezu anthropologische Überlegungen dazu vorgenommen, was es für uns als Menschheit bedeutet, wenn wir mit dem digitalen Medium in eine weniger Wissens-, als vielmehr visuell geleitete Kultur übertreten und hat in einem großen Schwung von der vorzeitlichen Menschheitsgeschichte bis in die Gegenwart nachgezeichnet, wie bedeutsam die Distanzierung der uns umgebenden Phänomene durch Artikulation, Wort und Schrift sowie kritisches Denken waren und sind. Ohne solche Fähigkeiten der Distanzierung hat sonst letztlich alles, was uns widerfährt, das Potenzial, uns zu überwältigen. Ähnlich wie Hans Blumenberg, der große Philosoph aus Münster, befinden wir uns ansonsten in einem „Absolutismus der Wirklichkeit“4, der letztlich nicht erträglich ist und in den Kulturformen – seien sie rituell, religiös, technisch, wissenschaftlich oder ästhetisch – Möglichkeiten findet, sich eben diese bedrängende Wirklichkeit auf Abstand oder wie Blumenberg es mit Franz Kafka sagt, „vom Leib zu halten“.
Nun ist ja das Digitale und Virtuelle Distanz par excellence, und dies unter Umständen gerade auch sein Problem, wie es durch die schwerwiegenden Folgen etwa bei jungen Schulkindern nach der Corona-Pandemie und der fehlenden Präsenzlehre erschreckend sichtbar wurde, und doch gelingt mit diesem Medium genau diese sinnvolle, schutzschildhafte, für uns als Menschen offenbar benötigte Distanzierung eher wenig bis gar nicht. Und zwar auf zweifache Weise nicht: zum einen die Distanzierung vom Medium selbst nicht, was mit Türcke gedacht, mit der Attraktion des Visuellen zu tun haben könnte, und gleichzeitig funktioniert die Distanzierung von der Wirklichkeit, die ja mit dem Medium gleichsam schon auf Distanz gehalten ist und die das Digitale aber zugleich selbst darstellt, offenbar auch nicht. Dabei handelt es sich ganz gewiss um ein plurikausales Phänomen, doch eine Spur dürfte sicher dahin führen, dass die unendliche Fülle an unsortierter Information eine heftige Herausforderung bis Überforderung für unsere geistigen Kräfte darstellt.
Im Wald, im Dschungel solcher Informationsflut ist gerade kritisch prüfende Urteilskraft, Auswahl, Priorisierung und Entscheidung gefragt. Doch nicht umsonst gibt es das Bild des „Surfens“ im Internet und wir gleiten eher von Welle zu neuerlicher Welle des Angebotenen. In dieser Weise aber werden offenbar viele Nutzer/innen des Netzes vor dem Bildschirm oder Display des Smartphones und den zumeist nicht zweckfrei angebotenen Informationen, von den Problematiken der Algorithmen einmal ganz abgesehen5, wieder zu Gläubigen. Im modernen 21. Jahrhundert sind dies zwar säkular Gläubige, aber doch eben solche, da einfach ganz häufig, ohne weitere Prüfung geglaubt wird, was an Information über das Netz an eine Person kommt. Und natürlich ist dieses Glauben eher an gegebene Voreinstellungen angepasst, als dass wir uns mit Dingen, Aussagen, Positionen auseinandersetzen, die uns fern oder sogar missliebig sind.
Ungeprüft aber können so bloße Informationen und deren x-fache Vervielfältigung wie Vorurteilsspreader wirken. Namhafte Soziolog/innen – wie etwa Amlinger und Nachtwey6 – haben sich auf den Weg gemacht, die Verwerfungen in unseren Gesellschaften und vor allem den öffentlichen Diskursen mit vielen guten Überlegungen zu untersuchen. Aber dieses Fehlen kritischer Prüfung in der Benutzung einer ökonomisierten, größtenteils kommerzialisierten Technik mitsamt der potentiellen Gefährdung, dabei genau die Fähigkeit zu verlieren, derer es dafür bedarf (nämlich menschliche Urteilskraft), ist neben allen weiteren Begleitumständen, wie hochgradig individualisierten Gesellschaften etc., sicherlich auch ein zentraler und weitreichender Aspekt im zeitdiagnostischen Panorama gegenwärtiger Grundproblematiken mit gegenaufklärerischem Potenzial, der in den Blick genommen werden muss.7
Ohne die Begleitung und auch Anleitung zur kritischen Reflexion wie sie Bildung in der Regel zumindest potenziell bereithält, gerät Information, deren Wahrheitsgehalt je in Frage steht, im Daueranwendungsmodus von Netz-Nutzer/innen in die Abdrift. Ungeprüfte Informationen generieren Aberglauben, freilich einen Aberglauben 2.0. Dieser scheint aber keineswegs weniger hartnäckig als der klassische, dessen Ab- und Rückbau mehrere Jahrhunderte und viele blutige Auseinandersetzungen gebraucht hat.
Nichts davon – und besonders Letzteres – braucht eine Wiederholung. Das, was hilft, ist Bildung, die ins kritische Denken, Prüfen und Urteilen einführt und Freiräume bereithält, um darin wirkliche und menschliche Verantwortung zu üben. Die im digitalen Wandel dringend gebotene neuerliche Wertschätzung und Förderung von Bildung, kritischer Reflexion und Urteilskraft wäre nicht zuletzt selbst ein Akt der Verantwortung, die insbesondere politisch noch vermisst wird.8
1 Siehe hierzu auch den Artikel von Frauke A. Kurbacher u. Paul Döring: „Denken ohne Urteilskraft oder Gefährdungen durch KI? Philosophisch-ethische Reflexionen zu einer virulenten, die Welt betreffenden Frage“ in der WoH-Rubrik Philosophische Streifzüge [künftig zitiert: Kurbacher / Döring: Denken.]
2 Vgl. hierzu auch den Artikel ‚Aufklärung‘ im Lexikon der Aufklärung. Deutschland und Europa, Hrsg. v. Werner Schneiders. München (C.H. Beck) 1995.
3 Siehe Christoph Türcke: Philosophie des Traums. München (C.H. Beck) 2008.
4 Vgl. Hans Blumenberg: Arbeit am Mythos. Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1979.
5 Siehe auch Kurbacher / Döring: Denken.
6 Vgl. Carolin Amlinger u. Oliver Nachtwey: Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus. Frankf. a. M. (Suhrkamp) 2022 u. dies.: Zerstörungswut. Elemente des demokratischen Faschismus. Frankf. a. M. (Suhrkamp) 2025.
7 Diese Überlegungen werden derzeit in einem größeren Forschungsprojekt am Institut für Geschichte und Ethik der Polizei und öffentlichen Verwaltung (IGE) zusammen mit Henrique Ricardo Otten weiter vertieft.
8 Auch in dieser Hinsicht ist so zum Beispiel die neuerlich in Frage stehende Erhöhung und Anpassung des BaFöGs für Studierende, von denen jede und jeder dritte bereits jetzt schon hierzulande von Armut bedroht ist, keine Petitesse.





