64. Deutscher VerkehrsgerichtstagExkursion nach Goslar
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- Peter Schlanstein
- Münster,
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Praxis, Wissenschaft und Polizeiperspektive vereint
Zwei Tage lang dort lernen, wo Verkehrssicherheit, Rechtspolitik und polizeiliche Praxis aufeinandertreffen: Für HSPV-Studierende des Studienorts Münster aus dem dritten Studienjahr war Ende Januar 2026 die Exkursion zum Deutschen Verkehrsgerichtstag ein besonderes Highlight im Studium. Initiiert und begleitet von Prof. Dr. Bijan Nowrousian und Peter Schlanstein erhielten zwei Kurse eines Wahlmoduls die seltene Gelegenheit, an diesem europaweit bedeutenden Fachkongress zu vergünstigten Konditionen teilzunehmen – ein echtes Geschenk in der wissenschaftlichen Ausbildung.
Seit 1963 findet der Verkehrsgerichtstag jährlich in Goslar statt und gilt als das führende Forum für Verkehrsrecht und Verkehrssicherheit in Deutschland. Auch 2026 kamen rund 1.770 Expertinnen und Experten aus Justiz, Polizei, Verwaltung, Wissenschaft und Anwaltschaft zusammen, um in Arbeitskreisen Empfehlungen zu erarbeiten, die regelmäßig Impulse für Gesetzesänderungen geben. Für die Studierenden wurde hier eindrucksvoll erlebbar, dass polizeiliche Erfahrungen aus der Praxis ein zentraler Bestandteil dieser Diskussionen sind.
Im Mittelpunkt der Exkursion standen jene Themen, die den polizeilichen Alltag heute und in Zukunft besonders prägen.
EU-weite Vollstreckung von Verkehrsverstößen
Im Arbeitskreis zur grenzüberschreitenden Vollstreckung wurde deutlich, wie stark Verkehrsüberwachung europäisch gedacht werden muss. Die Empfehlungen zur Umsetzung der neuen EU-Regelungen, zur Beibehaltung des Bundesamts für Justiz als zentrale Vollstreckungsbehörde und zur Sicherung des deutschen Schuldprinzips zeigen, wie komplex – und zugleich praxisnah – dieses Feld für die Polizei ist.
Alkohol im Rad- und Pedelec-Verkehr
Steigende Unfallzahlen im Radverkehr waren Anlass für intensive Diskussionen über neue Sanktionen. Empfohlen wurde erstmals ein eigener Bußgeldtatbestand für alkoholisiertes Fahren mit Fahrrad oder Pedelec ab 1,1 Promille. Für die Studierenden wurde hier besonders greifbar, wie Prävention, Kontrolle und Verkehrssicherheitsforschung zusammenspielen und welche Herausforderungen auf die Polizei zukommen.
Ablenkung am Steuer durch Handy und Co.
Ein zentrales Thema mit hoher Alltagsrelevanz: Ablenkung gilt als massiv unterschätztes Unfallrisiko. Die Diskrepanz zwischen amtlicher Statistik und Forschung verdeutlichte den Studierenden die Grenzen der klassischen Unfallaufnahme. Empfehlungen zu automatisierten Kontrollsystemen, höheren Sanktionen und klareren Rechtsgrundlagen zeigten zugleich, welche Rolle Technik künftig in der polizeilichen Verkehrsüberwachung spielen kann.
Führerscheinprüfung: Qualität vor Kosten
Auch die Frage nach angeblich überhöhten Anforderungen bei der Führerscheinprüfung wurde intensiv diskutiert. Das klare Ergebnis: Ausbildungsqualität und Verkehrssicherheit haben Vorrang. Empfohlen wurden ein bundesweites Referenzcurriculum, moderne digitale Lernformen und eine stärkere Fokussierung auf Gefahrenwahrnehmung – Aspekte, die präventive Verkehrssicherheitsarbeit und spätere Polizeipraxis eng verbinden.
Mehr Verkehrssicherheit durch bessere Unfalldaten
Besonders polizeinah war die Diskussion um aussagekräftigere Unfalldaten. Die qualifizierte Unfallaufnahme bildet die Grundlage für Analyse, Prävention und politische Entscheidungen. Die Empfehlungen zur differenzierteren Erfassung von Schwerstverletzten und zur Nutzung digitaler Datenquellen unterstreichen die Schlüsselrolle der Polizei in diesem Prozess.
Plenum mit Tiefgang: „Das Auto als Waffe?“
Ein besonderer Höhepunkt war der Plenarvortrag von Generalbundesanwalt Jens Rommel in der Aula Regis. Unter der provokanten Frage „Das Auto als Waffe?“ beleuchtete er, wie Fahrzeuge in Einzelfällen gezielt als Tatmittel bei schweren Gewaltverbrechen, Amokfahrten oder terroristischen Anschlägen eingesetzt werden. Für die Studierenden waren vor allem die rechtlichen Einordnungen bedeutsam: Kraftfahrzeuge sind keine Waffen im Sinne des Waffengesetzes, können strafrechtlich jedoch als „gefährliche Werkzeuge“ bewertet werden. Rommel machte deutlich, dass neben Strafverfolgung insbesondere Prävention, polizeiliche Lageerkenntnisse und Schutzkonzepte für Großveranstaltungen entscheidend sind – ein eindrucksvoller Brückenschlag zwischen Verkehrsrecht, Staatsschutz und polizeilicher Einsatzrealität.
Kontroverser Abschluss: Mobilität im Wandel
Den Abschluss bildete ein lebhaftes Streitgespräch, moderiert von Christina Harland (NDR Fernsehen Niedersachsen). Unter dem Motto „Sind strengere Vorschriften für Lastenfahrräder, Pedelecs und E-Bikes nötig?“ diskutierten Burkhard Stork (Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV), Berlin) und Andreas Diekmann (Polizeihauptkommissar, Leiter der Polizei-Fahrradstaffel, Hannover) engagiert über neue Mobilitätsformen und deren Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit. Die Debatte zeigte eindrucksvoll, wie dynamisch sich der Straßenverkehr verändert – und wie wichtig die polizeiliche Perspektive in diesen Aushandlungsprozessen ist.
Lernen, wo Zukunft gestaltet wird
Neben den fachlichen Inhalten war es vor allem der Austausch mit Expertinnen und Experten aus ganz Deutschland und Europa, der diese Exkursion so wertvoll machte. Teilnehmende Studierende der HSPV NRW berichteten, wie motivierend es war, Themen aus dem Studium unmittelbar in hochkarätigen Diskussionen wiederzufinden und zu erleben, dass die Stimme der Polizei auf dem Verkehrsgerichtstag Gewicht hat.
Die Exkursion nach Goslar war damit weit mehr als eine Studienfahrt: Sie bot einen Blick hinter die Kulissen der Rechtsentwicklung, stärkte das Verständnis für verkehrspolitische Zusammenhänge und machte deutlich, welche verantwortungsvolle Rolle Polizistinnen und Polizisten in der Verkehrssicherheitsarbeit übernehmen.
Wer im Polizeistudium über den Hörsaal hinausdenken möchte, sollte sich diese Chance nicht entgehen lassen – eine Bewerbung für die nächste Exkursion lohnt sich!








