OER und Demokratie (Teil 3)Warum OER mehr sind als frei verfügbare Materialien

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Der Beitrag beleuchtet das Thema Open Educational Resources (OER)
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Dritter Beitrag der neuen Reihe "Demokratie leben – Demokratie lehren"

Im ersten Beitrag dieser Reihe wurde Demokratie nicht nur als politische Staatsform beschrieben, sondern auch als eine Form des gemeinsamen Handelns. Demokratie zeigt sich dort, wo Menschen unterschiedliche Perspektiven einbringen, Wissen kritisch hinterfragen und Verantwortung übernehmen. Hochschullehre schafft dafür vielfältige Lerngelegenheiten.

Welche Rolle spielen dabei Lehrmaterialien?

Auf den ersten Blick scheint die Antwort nahezuliegen: Sie dienen dazu, Inhalte zu vermitteln. Tatsächlich prägen Lehrmaterialien jedoch weit mehr als nur den Zugang zu fachlichem Wissen. Sie beeinflussen, wer Wissen nutzen kann, wer es weiterentwickeln darf und welche Möglichkeiten bestehen, sich aktiv an Bildungsprozessen zu beteiligen. Genau an diesem Punkt setzen Open Educational Resources (OER) an.

Der Begriff OER wird häufig mit frei verfügbaren Materialien gleichgesetzt. Tatsächlich passt der Begriff „Offenheit“ jedoch besser.

Die UNESCO definiert OER als Lehr-, Lern- und Forschungsmaterialien, die entweder gemeinfrei sind oder unter einer offenen Lizenz veröffentlicht werden. Diese offene Lizenz erlaubt es, Materialien nicht nur kostenlos zu nutzen, sondern sie – je nach Lizenz – auch zu verändern, zu kombinieren und weiterzugeben (UNESCO 2019).

Damit unterscheiden sich OER grundlegend von vielen klassischen Lehrmaterialien. Während diese häufig nur gelesen oder heruntergeladen werden dürfen, ermöglichen offene Lizenzen eine aktive Auseinandersetzung mit den Materialien. Lehrende können Inhalte an ihre Lehrveranstaltung anpassen, Studierende haben die Möglichkeit Materialien weiterzuentwickeln oder gemeinsam zu bearbeiten. Neue Versionen können wiederum anderen zur Verfügung gestellt werden.

Offenheit beschreibt damit weniger eine technische Eigenschaft als vielmehr eine Haltung gegenüber Wissen.

Wissen als gemeinsame Ressource

Demokratische Gesellschaften leben davon, dass Menschen Zugang zu Informationen erhalten, unterschiedliche Perspektiven kennenlernen und sich auf dieser Grundlage eine eigene Meinung bilden können. Bildung spielt dabei eine zentrale Rolle.

Auch Hochschulen verstehen sich traditionell als Orte des Wissensaustauschs. Forschungsergebnisse werden veröffentlicht, wissenschaftliche Erkenntnisse diskutiert und Lehrveranstaltungen schaffen Räume für gemeinsames Lernen. OER greifen diesen Gedanken auf und erweitern ihn.

Wissen wird nicht ausschließlich konsumiert, sondern kann gemeinsam weiterentwickelt werden. Lehrmaterialien werden dadurch zu einer Ressource, die geteilt, verbessert und an neue Kontexte angepasst werden kann. Offenheit fördert damit eine Kultur des Austauschs und der Zusammenarbeit.

Gerade dieser Gedanke verbindet OER mit demokratischen Grundprinzipien. Offenheit ermöglicht Teilhabe, Transparenz und Mitgestaltung. Sie schafft Voraussetzungen dafür, dass Wissen nicht allein bei einzelnen Personen oder Institutionen verbleibt, sondern gemeinschaftlich genutzt und weiterentwickelt werden kann.

Was bedeutet das für die Hochschullehre?

Für die Hochschullehre eröffnet dieser Ansatz zahlreiche Möglichkeiten. Lehrende können vorhandene Materialien übernehmen und an die Bedürfnisse ihrer Studierenden anpassen. Statt jede Lehrveranstaltung vollständig neu zu entwickeln, lassen sich bestehende Ressourcen weiterverwenden und fachlich ergänzen. Gleichzeitig können eigene Materialien anderen Lehrenden zur Verfügung gestellt werden, wodurch neue Formen der Zusammenarbeit entstehen.

Auch für Studierende ergeben sich neue Möglichkeiten. Sie erhalten nicht nur Zugang zu frei verfügbaren Materialien, sondern können – je nach Lehrkonzept – selbst an deren Weiterentwicklung mitwirken. So entstehen Lernprozesse, in denen Studierende Wissen nicht ausschließlich aufnehmen, sondern aktiv gestalten. Erst wenn Offenheit mit entsprechenden Lehr- und Lernprozessen verbunden wird, kann sie ihr Potenzial entfalten, denn die „Entwicklung von OER und deren Einsatz in OEP erfordern die Auseinandersetzung mit den Entwicklungszielen und der Lizenzierung und ermöglichen die Schärfung von Medienkompetenz und Demokratiebildung im Schaffensprozess“ (BMBF, 2022, S.3).

In der hochschuldidaktischen Forschung wird dieser Gedanke zunehmend unter dem Begriff Open Educational Practices (OEP) diskutiert. Im Mittelpunkt steht dabei weniger das Material selbst als vielmehr die Frage, wie offene Bildungspraktiken Zusammenarbeit, Reflexion und Partizipation fördern können (Wiley & Hilton, 2018).

Offenheit allein schafft noch keine demokratische Lehre

OER und demokratische Werte sind miteinander verbunden, jedoch sollten die beiden Begriffe nicht gleichgesetzt werden.

Allein die Veröffentlichung eines Lehrmaterials unter einer offenen Lizenz führt nicht automatisch zu mehr Teilhabe oder Mitgestaltung. Ebenso wenig wird eine Lehrveranstaltung allein dadurch demokratisch, dass offene Materialien verwendet werden. Entscheidend ist vielmehr, wie Offenheit in der Lehre gestaltet wird.

  • Werden Studierende eingeladen, Materialien kritisch zu hinterfragen?
  • Können sie eigene Perspektiven einbringen?
  • Gibt es Möglichkeiten, Inhalte gemeinsam weiterzuentwickeln oder unterschiedliche Lösungswege zu diskutieren?

OER können solche Lernprozesse unterstützen. Sie erleichtern den Zugang zu Bildungsressourcen, fördern Zusammenarbeit und schaffen Möglichkeiten, Wissen gemeinsam weiterzuentwickeln. Damit leisten sie einen Beitrag zu einer Hochschullehre, die Offenheit nicht nur vermittelt, sondern auch lebt.

Vielleicht zeigt sich gerade hier eine Verbindung zum ersten Beitrag dieser Reihe. Demokratiekompetenz entsteht nicht allein durch die Auseinandersetzung mit demokratischen Inhalten. Sie entwickelt sich ebenso in Lernumgebungen, die Teilhabe ermöglichen, unterschiedliche Perspektiven zulassen und gemeinsames Lernen fördern.

Offene Bildungsressourcen können hierfür ein wichtiges Fundament sein – nicht, weil sie Demokratie automatisch herstellen, sondern weil sie Möglichkeiten eröffnen, demokratische Werte im Hochschulalltag praktisch umzusetzen.

BMBF (2022). OER-Strategie – Freie Bildungsmaterialien für die Entwicklung digitaler Bildung.

UNESCO (2012): Weltkongress zu Open Educational Resources (OER)

Wiley, D. & Hilton, J. (2018): Defining OER-Enabled Pedagogy. International Review of Research in Open and Distributed Learning, 19(4).