Demokratiekompetenz und Fachlehre (Teil 2)Demokratie leben – Demokratie lehren

Demokratiekompetenz und Fachlehre
Der Beitrag beleuchtet das Thema Demokratiekompetenz im Kontext der Hochschullehre
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Zweiter Beitrag der neuen Reihe "Demokratie leben – Demokratie lehren"

Im ersten Beitrag unserer Reihe „Demokratie leben – Demokratie lehren“ ging es darum, was Demokratiekompetenz im Kontext der Hochschullehre bedeuten kann. Der zentrale Gedanke: Es geht dabei um mehr als Wissen über demokratische Strukturen. Gemeint ist die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen, Argumente abzuwägen, Entscheidungen zu begründen und Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

Vielleicht kennen Sie solche Situationen aus Ihrer eigenen Lehre: Studierende sind unterschiedlicher Meinung, müssen Positionen begründen, wägen Argumente gegeneinander ab oder merken, dass eine Aufgabe nicht eindeutig zu lösen ist. Genau in solchen Momenten passiert mehr als „nur“ fachliches Lernen. Es geht auch darum, mit Unsicherheit umzugehen, andere Sichtweisen einzubeziehen und Entscheidungen zu treffen.

Das Entscheidende dabei: Diese Situationen sind keine Ausnahme. Sie gehören in vielen Lehrveranstaltungen ganz selbstverständlich dazu – oft, ohne dass sie ausdrücklich so benannt werden.

Und genau hier liegt eine Chance. Denn wenn solche Momente nicht nur „passieren“, sondern bewusst aufgegriffen werden, können sie für das Lernen besonders wertvoll sein. Es geht also nicht darum, der Lehre ein weiteres Thema hinzuzufügen. Vielmehr geht es darum, vorhandene Situationen bewusster zu nutzen – etwa für Urteilsbildung, Reflexion und Verantwortungsübernahme.

Warum wird das aktuell so stark betont? Ein Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen gibt eine erste Antwort. Künstliche Intelligenz, Klimawandel oder gesellschaftliche Veränderungen stellen Menschen immer wieder vor Situationen, in denen es keine einfachen Lösungen gibt. Genau hier setzen sogenannte Future Skills an: Fähigkeiten, die helfen, mit Unsicherheit, Komplexität und Veränderung umzugehen und gesellschaftliche Entwicklungen aktiv mitzugestalten.

Auch die Fähigkeit, demokratisch zu denken und zu handeln, wird in diesem Zusammenhang als zentrale Zukunftskompetenz beschrieben. Der Stifterverband ordnet sie den gemeinschaftsorientierten Future Skills zu. Gemeint sind damit Fähigkeiten, die es ermöglichen, gemeinsam mit anderen Herausforderungen zu bewältigen und in einer pluralen, demokratischen Gesellschaft verantwortungsvoll mitzuwirken. Dialogfähigkeit, Beteiligung und Verantwortungsübernahme werden dabei als wichtige Voraussetzungen für gesellschaftlichen Zusammenhalt hervorgehoben (vgl. Rampelt et al. 2025, S. 8). Dazu gehört auch, sich für Grundprinzipien eines demokratischen Miteinanders einzusetzen – etwa durch aktive Beteiligung, den Schutz von Grundrechten und einen reflektierten Umgang mit Informationen (vgl. ebd., S. 10).

Für die HSPV NRW hat diese Perspektive eine besondere Bedeutung. Unsere Studierenden werden auf Tätigkeiten im Polizeivollzugsdienst und in der öffentlichen Verwaltung vorbereitet. In diesen Berufsfeldern reicht es nicht aus, Wissen anzuwenden. Situationen müssen eingeordnet, Entscheidungen begründet und die Folgen des eigenen Handelns reflektiert werden. Kritisches Denken, Urteilsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein sind hier keine „zusätzlichen Kompetenzen“, sondern Teil professionellen Handelns.

Dieser Anspruch findet sich auch in den rechtlichen Grundlagen wieder. So formuliert das Gesetz über die Fachhochschulen für den öffentlichen Dienst im Land Nordrhein-Westfalen (FHGöD), dass Studierende dazu befähigt werden sollen, „verantwortlich in einem demokratischen und sozialen Rechtsstaat zu handeln“ (§ 3 FHGöD). Auch das Beamtenstatusgesetz verweist darauf, dass Personen im öffentlichen Dienst die Gewähr bieten müssen, jederzeit für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einzutreten (§ 7 BeamtStG). Im Rahmen der Akkreditierung von Studiengängen wird zudem betont, dass Hochschulbildung auch Persönlichkeitsentwicklung umfasst. Dazu gehört die Fähigkeit, gesellschaftliche Prozesse kritisch zu reflektieren und verantwortungsvoll mitzugestalten (vgl. Kultusministerkonferenz 2017, § 11).

Was bedeutet das für die Lehre?

Lehrende vermitteln nicht nur Fachwissen. Sie gestalten auch Situationen, in denen Studierende üben können, Perspektiven zu wechseln, Argumente zu prüfen, mit Unsicherheit umzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Das klingt zunächst nach einem großen Anspruch – beginnt aber oft im Kleinen: in einer Diskussion, einer Fallbearbeitung, einer Gruppenarbeit oder einer gezielten Reflexionsfrage. Entscheidend ist dabei weniger, ob solche Situationen entstehen – sondern wie bewusst sie aufgegriffen werden. Wenn sie eingeordnet, besprochen und reflektiert werden, können sie einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung dieser Fähigkeiten leisten. Die Förderung solcher Kompetenzen ist damit weniger eine Frage zusätzlicher Inhalte als vielmehr eine Frage der bewussten Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen.

Wie das konkret aussehen kann, steht im Mittelpunkt des nächsten Beitrags. Dort werden beispielhaft Lehrmethoden und didaktische Impulse vorgestellt, mit denen solche Lernprozesse in der Lehre sichtbar und gezielt unterstützt werden können.

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz: Gesetz zur Regelung des Statusrechts der Beamtinnen und Beamten in den Ländern (Beamtenstatusgesetz - BeamtStG). § 7 Voraussetzungen des Beamtenverhältnisses.

Gesetz über die Fachhochschulen für den öffentlichen Dienst im Lande Nordrhein-Westfalen (Fachhochschulgesetz öffentlicher Dienst - FHGöD). in der Fassung vom 03.10.2025. § 3 Aufgaben.

Kultusministerkonferenz (2017):  Musterrechtsverordnung gemäß Artikel 4 Absätze 1 – 4. Studienakkreditierungsstaatsvertrag. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 07.12.2017. Teil 3 Fachlich-inhaltliche Kriterien für Studiengänge und Qualitätsmanagementsysteme § 11 Qualifikationsziele und Abschlussniveau (1).

Rampelt, F., Matthes, W., Hannken-Illjes, K., Sandmeir, A., Gehrs, V., Horstmann, N., Kunz, A. M., Eigbrecht, L., Johannsen, T., Blum, S., Frank, S., Sutter, C., Koch, H. (2025): Future Skills 2030. Ein aktualisiertes Framework für Zukunftskompetenzen. Stifterverband. Berlin. https://doi.org/10.5281/zenodo.17910748