Demokratie in der Lehre (Teil 1)Zwischen Fachinhalt und Verantwortung

Stilisierte bunte Menschen halten ihre Hände in die Höhe. Manche von ihnen haben Schilder in der Hand.
Die Demokratie soll aus einer hochschuldidaktischen Perspektive näher beleuchtet werden.
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Auftakt der neuen Reihe Demokratie leben - Demokratie lehren

Das Dezernat 13 – Zentrum für Hochschuldidaktik, E-Learning und Medien – widmet sich im Jahr 2026 dem Thema Demokratie in der Lehre. Unter der Reihe „Demokratie leben – Demokratie lehren“ erwarten Sie in den kommenden Monaten verschiedene Beiträge und Fortbildungsangebote, die sich diesem Thema aus hochschuldidaktischer Perspektive nähern. Den Auftakt bildet dieser Beitrag.

Zwischen Fachinhalt und Verantwortung: Worum es (auch) in der Lehre geht

Fragt man Menschen danach, was „Demokratie“ bedeutet, fallen die Antworten unterschiedlich aus. Für die einen steht das politische System im Vordergrund, für andere die Idee von Mitbestimmung, Gleichberechtigung oder gesellschaftlicher Teilhabe.

Auch ein Blick in gängige Definitionen zeigt diese Vielfalt: Demokratie beschreibt einerseits eine Staatsform, in der Macht vom Volk ausgeht und durch Wahlen legitimiert wird. Gleichzeitig verweist der Begriff auf ein grundlegendes Prinzip des Zusammenlebens – auf die Möglichkeit, gemeinsam Entscheidungen zu treffen, Interessen auszuhandeln und Verantwortung zu übernehmen (vgl. Duden).

Aus wissenschaftlicher Perspektive wird Demokratie daher häufig nicht als Zustand verstanden, sondern als Prozess. Sie muss gelernt, praktiziert und immer wieder neu gestaltet werden (vgl. Herrmann 2025). Damit rücken Fragen in den Mittelpunkt, die weit über das politische System hinausweisen: Wie gehen wir mit unterschiedlichen Perspektiven um? Wie treffen wir Entscheidungen unter Unsicherheit? Und wie gelingt es, eigene Positionen zu entwickeln und zugleich andere Sichtweisen einzubeziehen?

Doch was hat das mit Hochschullehre zu tun?

Ein genauerer Blick zeigt: mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Demokratie wird in der Lehre nicht nur thematisiert – sie wird auch praktiziert. Etwa dann, wenn Studierende unterschiedliche Perspektiven kennenlernen und einordnen, eigene Positionen entwickeln und begründen oder Argumente kritisch prüfen und gegeneinander abwägen. Auch der Umgang mit offenen Fragen und Uneindeutigkeiten gehört dazu. Viele dieser Aspekte sind bereits heute selbstverständlicher Bestandteil von Lehrveranstaltungen – häufig, ohne dass sie ausdrücklich so benannt werden.

Für genau diese Zielperspektive hat sich in der Bildungsforschung der Begriff der Demokratiekompetenz etabliert. In einschlägigen Kompetenzmodellen wird dieser konkret gefasst. So beschreibt Reinhardt (2007) Demokratiekompetenz unter anderem als die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme, zur konstruktiven Auseinandersetzung mit Konflikten, zur politischen Urteilsbildung sowie zur aktiven Partizipation. Ergänzend wird die Fähigkeit hervorgehoben, gesellschaftliche Zusammenhänge analytisch zu erschließen.

Mehr als Wissensvermittlung

Diese Perspektive wird auch in der Demokratiepädagogik aufgegriffen und erweitert. Hier wird Demokratie nicht allein als politische Herrschaftsform verstanden, sondern zugleich als Gesellschafts- und Lebensform, die sich im alltäglichen Handeln realisiert. Entsprechend zielt demokratische Handlungskompetenz darauf ab, Lernende zu befähigen, an demokratischen Gesellschafts- und Lebensformen teilzuhaben und diese aktiv mitzugestalten (vgl. de Haan/Edelstein/Eikel 2007).

Vor diesem Hintergrund lässt sich Demokratiekompetenz als ein Zusammenspiel von Wissen, Fähigkeiten und Haltungen verstehen. Sie umfasst nicht nur kognitive Fähigkeiten, sondern auch die Fähigkeit zur ethischen Reflexion sowie die Bereitschaft zur aktiven Teilhabe an demokratischen Prozessen (vgl. ebd.).

Für die Hochschullehre bedeutet dies jedoch mehr als die Förderung einzelner Fähigkeiten. Sie gestaltet Lernprozesse, in denen Studierende erfahren, wie mit unterschiedlichen Perspektiven umgegangen wird, wie Entscheidungen zustande kommen und wie mit Unsicherheit umgegangen werden kann.

Lehre ist damit nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern auch ein Erfahrungsraum, in dem zentrale Elemente demokratischen Handelns sichtbar und erlebbar werden. Ob Studierende Positionen begründen, unterschiedliche Sichtweisen einbeziehen oder mit widersprüchlichen Anforderungen umgehen – all dies ist nicht nur fachliches Lernen, sondern zugleich Teil der Entwicklung demokratischer Handlungskompetenz.

Vielleicht zeigt sich an dieser Stelle bereits, dass vieles von dem, was unter Demokratiekompetenz verstanden wird, nicht als zusätzlicher Bestandteil von Lehre gedacht werden muss, sondern in der eigenen Lehre längst angelegt ist – oft, ohne ausdrücklich so benannt zu werden. Die Frage ist daher weniger, ob Demokratiekompetenz gefördert werden sollte, sondern vielmehr, wie bewusst dies bereits geschieht und weiterentwickelt werden kann.

Genau hier setzt die Beitragsreihe an: Sie nimmt die Rolle der Lehrenden in den Blick, zeigt, wie offene Bildungsressourcen zur Teilhabe beitragen können, und gibt konkrete Impulse, wie sich demokratische Lernprozesse in der Lehre sichtbar und gezielt gestalten lassen.

Literatur: 

de Haan, G., Edelstein, W. & Eikel, A. (Hrsg.) (2007): Qualitätsrahmen Demokratiepädagogik. Demokratische Handlungskompetenz fördern, demokratische Schulqualität entwickeln. Weinheim: Beltz.

Duden: Begriff Demokratie. URL: https://www.duden.de/rechtschreibung/Demokratie (Letzter Zugriff: 29.04.2026)

Herrmann, S. (2025): Digitale Demokratie als Schlüsselkompetenz. Ein hochschuldidaktisches Entwicklungsvorhaben am KIT. die hochschullehre, Jahrgang 11/2025. DOI: 10.3278/HSL2572W. Online unter: wbv.de/die-hochschullehre (Letzter Zugriff: 29.04.2026)

Reinhardt, Sibylle: Demokratie-Kompetenzen. Berlin : BLK 2004, 25 S. - (Beiträge zur Demokratiepädagogik) URL:  https://www.pedocs.de/volltexte/2008/163/pdf/Reinhardt.pdf (Letzter Zugriff: 29.04.2026)