Call for PapersBetrug als kriminalistisch-kriminologisches Phänomen

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Erscheinungsformen, Akteure, Kontexte

Es handelt sich um einen Sammelband, herausgegeben von Prof. Dr. Stefan Kersting, Prof. Dr. Felix Bode und Julia Erdmann. Der Band erscheint im Verlag für Polizeiwissenschaft. Vorgesehen ist die Veröffentlichung im Frühsommer 2027.

Hintergrund und Anliegen

Betrug zählt zu den quantitativ bedeutsamsten und zugleich dynamischsten Kriminalitätsphänomenen der Gegenwart. Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist seit Jahren hohe Fallzahlen aus, das Dunkelfeld beträgt ein Vielfaches. Zugleich verändert sich das Phänomen rasant: Digitalisierung, transnationale Tätergruppen, generative KI und neue Zahlungsinfrastrukturen verschieben die Grenzen zwischen klassischer Vermögensdelinquenz, organisierter Kriminalität und alltäglicher Online-Interaktion.

Der geplante Sammelband möchte das Phänomen Betrug interdisziplinär, theoretisch fundiert und empirisch grundiert in seiner ganzen Breite ausleuchten. Wir laden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie – auch bewusst – qualifizierte Praktikerinnen und Praktiker aus Kriminologie, Kriminalistik, Rechtswissenschaft, Soziologie, Psychologie, Wirtschafts-, Politik- und Polizeiwissenschaft, Informatik sowie angrenzenden Disziplinen ein, Beiträge zu folgenden (nicht abschließenden) Themenfeldern einzureichen.

Thematische Schwerpunkte

1. Grundlagen, Begriff und Rechtsrahmen

  • Rechtsdogmatische Entwicklungen zu § 263 StGB und verwandten Tatbeständen,
  • konzeptionelle Abgrenzungen zwischen Täuschung, Manipulation, Korruption und Wirtschaftskriminalität,
  • historische und vergleichende Perspektiven,
  • Typologien und Klassifikationsversuche.

2. Digitale Erscheinungsformen

  • Phishing, Smishing, Vishing,
  • Computerbetrug (§ 263a StGB),
  • Romance- und Investment-Scams,
  • CEO-Fraud und Business E-Mail Compromise,
  • Kryptowährungs- und NFT-bezogener Betrug,
  • Marktplatz- und Plattformbetrug,
  • KI-gestützte Täuschung (Deepfakes, Voice Cloning, synthetische Identitäten),
  • Identitätsdiebstahl.

3. Klassische und persistente Phänomene

  • Anlagebetrug und Schneeballsysteme,
  • Versicherungsbetrug,
  • Subventions-, Sozialleistungs- und Steuerbetrug an der Schnittstelle zu § 263 StGB,
  • Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen,
  • Warenkredit- und Eingehungsbetrug,
  • Trickbetrug gegenüber älteren Menschen (Enkeltrick, Schockanruf, falsche Amtsträger).

4. Täterperspektiven

  • Tätertypologien, kriminelle Karrieren und Lernprozesse,
  • organisierte und arbeitsteilige Strukturen,
  • transnationale Callcenter-Ökonomien,
  • Money-Mule-Rekrutierung und Geldwäschelogistik,
  • Rationalisierungs- und Neutralisierungstechniken,
  • Genderaspekte,
  • Anwendbarkeit klassischer Theorien (Routine Activity, Rational Choice, Strain, Differential Association) auf moderne Betrugsformen.

5. Opferperspektiven

  • Viktimologische Befunde,
  • vulnerable Gruppen (Alter, Einsamkeit, Verschuldung, kognitive Beeinträchtigung),
  • psychosoziale, finanzielle und gesundheitliche Folgen,
  • Scham, Anzeigeverhalten und sekundäre Viktimisierung,
  • Mehrfachviktimisierung,
  • Opferunterstützung, Restitution und zivilrechtliche Ansprüche.

6. Kontrolle, Strafverfolgung und internationale Kooperation

  • Ermittlungspraxis bei körperloser und transnationaler Tatbegehung,
  • digitale Forensik,
  • Rolle von Banken, Zahlungsdienstleistern, Telekommunikations- und Plattformanbietern,
  • aufsichts- und haftungsrechtliche Pflichten,
  • Europol, Eurojust und bilaterale Kooperationsstrukturen,
  • Sanktions- und Vermögensabschöpfungspraxis.

7. Prävention

  • Universelle und selektive Präventionsansätze,
  • Awareness-Kampagnen und ihre Wirksamkeit,
  • situative Prävention und Designansätze („fraud by design vs. security by design")
  • Rolle von Schule, Verbraucherschutz und Polizei,
  • Compliance- und Antifraud-Strukturen in Unternehmen.

8. Gesellschaftliche und kulturelle Dimensionen

  • Betrug und gesellschaftliches Vertrauen,
  • demografischer Wandel als Risikostruktur,
  • Digitalisierung als Ermöglichungsstruktur,
  • mediale Konstruktion und Skandalisierung,
  • moralpanische und entdramatisierende Diskurse.

9. Methodische und theoretische Beiträge

  • Hell-/ Dunkelfeld-Verhältnisse und Messprobleme,
  • Potenziale und Grenzen von PKS, Opferbefragungen, Plattform- und Bankdaten,
  • qualitative Zugänge zu Tätern und Opfern,
  • Mixed-Methods-Designs,
  • theoretische Synthesen und Weiteren.

Willkommen sind…

  • empirische Originalbeiträge (qualitativ, quantitativ, mixed methods),
  • theoretische und rechtsdogmatische Arbeiten,
  • vergleichende Analysen,
  • systematische Reviews sowie
  • reflektierte Erfahrungsberichte aus der Praxis mit wissenschaftlichem Anspruch.

Einreichung und Fristen

Bis 15.09.2026Abstract (max. 500 Wörter, inkl. Forschungsfrage, theoretischem Rahmen, Methode / Datenbasis und zentralen Befunden) an: stefan.kersting(at)hspv.nrw.de
Bis 30.09.2026Rückmeldung über Annahme
Bis 31.03.2027Einreichung des vollständigen Beitrags (ca. 35.000 bis 50.000 Zeichen inkl. Leerzeichen)
Juli 2027Veröffentlichung

Kontakt

Herr Prof. Dr. Stefan Kersting

Lehre

Frau EKHK'in Julia Erdmann

Lehre

Herr Prof. Dr. Felix Bode

Lehre