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Philosophie der Migration

Projektzeitraum ( - )

Fragen der Migration waren schon vor der Situation 2015 – der im Nachgang kurzfristigen Öffnung der Grenzen für international Geflüchtete, eingeläutet durch das mittlerweile zum geflügelten Wort avancierte „Wir schaffen das!“ der Bundeskanzlerin – präsent und stehen auch gegenwärtig – durch die Corona-Krise noch problematischere Situation in den europäischen Lagern für Geflüchtete – offen im Raum. Nicht nur die politische, sondern weitenteils auch die theoretische, geisteswissenschaftliche Diskussion zeigt sich vielfach recht einseitig und häufig neoliberal geprägt. Die Situation der Geflüchteten wird ebenso einseitig zumeist als „Flüchtlingskrise“ verstanden, und zwar weniger als existentiell kritische Situation für die Geflüchteten selbst, als vielmehr im Zuge der zu verzeichnenden erstarkenden Nationalismen weltweit eher als Krise der einzelnen Aufnahmeländer und des gesamten europäischen Kontinents und als Bedrohung der bisherigen Lebensstandards.

Hierzulande knüpft dies an eine weit über ein Jahrhundert bestehende Geschichte der Migration an, die gesellschaftlich weitgehend unreflektiert geblieben ist und wiederkehrende Merkmale von fehlender Anerkennung, dem uneingestandenen Status als Einwanderungsland und einer keinesfalls gegebenen Gleichbehandlung der zu uns Kommenden aufweist. Auch die derzeitige Situation von Geflüchteten in Europa, insbesondere auf den dafür eingerichteten Lagern auf den griechischen Inseln, lässt sich mit den von allen europäischen Ländern ratifizierten Menschenrechten und den ihnen zugrundeliegenden Vorstellungen von Menschenwürde, die dem eigenen wie dem gesellschaftlichen Selbstverständnis basal sind, nicht vereinbaren. Die geplante Monographie möchte aus diesen gegebenen aktuellen Anlässen von hochgradiger gesellschaftlicher und politischer bis hin zum beruflichen Verwaltungs- oder auch Lebensalltag reichender Relevanz den Blick mit dem Ziel der Entwicklung einer modernen „Philosophie der Migration“ auf philosophische Konzeptionen richten, die im gegenwärtig geführten Diskurs oft fehlen oder ihm sogar diametral gegenüberstehen.

Der selbst mehrfach migrierte Kommunikations- und Medienphilosoph Vilém Flusser (1920-1991), der in diesem Jahr 100jähriges Jubiläum feiert, hat entgegen allen Vormeinungen, die allein geflüchtete Menschen als Problem sehen, einen positiven Entwurf zu Migrant*innen vorgelegt, der schon deswegen Alleinstellungsmerkmal besitzt. Während im Zuge einer ausschließlichen Problematisierung der betreffenden Personen (Geflüchtete, Auswandgewanderte etc.) der Blick gleichsam von den Ursachen und Verstrickungen abgelenkt wird (Kriegs- und Konfliktherde, internationaler Waffenhandel, politisch-wirtschaftliche Interessen, in die u.a. auch europäische Staaten und insbesondere Deutschland als größter Waffenexporteur involviert sind), schlägt Flussers Ansatz zur „Freiheit des Migranten [sic!]“ die persönlichen, gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Potentiale frei, die im Phänomen von Migration begründet sind, das er (bereits 1990) überdies für ein künftig weltweit bestimmendes hält. Umstände des Klimawandels und damit erhöhter Naturkatastrophen, der ansteigende Meeresspiegel, der Raubbau an der Natur (verstärkte Rodung der Regenwälder etc.), unbewältigte Probleme (Müllbeseitigung, Wasserversorgung…) und dauerhaft unbefriedete Krisenherde scheinen Flussers frühe Thesen zu bestätigen. Gleichzeitig wird mit seinem Ansatz aber auch ein Blick auf die eigene Kulturgeschichte frei, die nicht nur Konzepte zum Weltbürger*innentum entwickelt hat, sondern sich selbst als eine erweist, in der vor allem das freie Denken vielfach verfolgt war (wie z.B. Descartes, Bayle, Rousseau, Arendt und viele andere). Doch gerade diese freien Denker*innen haben erhebliche Beiträge für das geliefert, was heute zu den elementaren Bausteinen demokratischer Rechtstaatlichkeit gehört. In Auseinandersetzung mit dieser ‚anderen‘ abendländischen Kultur-, Ideen- und Geistesgeschichte versucht die anberaumte „Philosophie der Migration“, dem gegenwärtigen Diskurs auch vor philosophiehistorischem Hintergrund eine andere als die bislang recht reduzierte Grundlage zu bieten, vor deren eröffneten Horizonten vielleicht weitere und andere Möglichkeiten aufscheinen als die bisher diskutierten.